Die Bundespost in Neuburg

Das Postgebäude in Neuburg an der Donau ist schon auf den ersten Blick ein Kleinod des westdeutschen Brutalismus. Es steht an der großen Münchener Straße unübersehbar groß und fremd zwischen kleinen Häusern. An beiden Seiten führen kleine Straßen tiefer ins Einfamilienhausgebiet.

PostNeuburgGesamt

Das gesamte Gebäude hat eine Verkleidung aus unregelmäßig vertikal geriffeltem Beton und braun gefaßte horizontale Fenster, die mal nur recht schmale Bänder unterhalb der Geschoßdecke bilden, mal weiter zum Geschoßboden reichen, aber immer miteinander verbunden sind. Auch das überstehende Dach des hohen Sockelgeschosses und seine Wände haben die gleiche Verkleidung. Der Sockel ist an der Münchener Straße kürzer als weiter hinten, so daß an den Ecken kleine freie Flächen entstehen. Neben der linken dieser Ecken, aber allseitig zurückgesetzt ragt aus dem Sockel ein quadratischer Hochbau mit drei weiteren, etwas niedrigeren Geschossen auf. Bei jedem von ihnen sind Verkleidung und Fenster unterschiedlich angeordnet. Das ist eigentlich alles und doch erst der Anfang, denn an einigen Stellen durchbricht der Beton diese ohnedies nie starre Ordnung.

PostNeuburgEingang

Der Eingang in der Gebäudemitte ist nicht besonders markiert, es geht einfach zwischen quer gesetzten Wänden mit der allgegenwärtigen Verkleidung hinein. Sogar die kleinen schwarzen Pflastersteine des Gehsteigs setzen sich noch im Inneren fort. Links davon, wo der Schalterraum ist, bestehen die Flächen der Ecke nur aus Glas, vor der glatte wandhohe Betonlamellen sind.

Im hinteren Teil des Sockels sticht ein spitzes Betonelement mit verglasten Seiten hervor. Von hinten, von der im Bogen um das Gebäude führenden Elias-Holl-Schanze, erkennt man, daß es sich dabei um ein Teil des Dachs der dort befindlichen Halle handelt.

PostNeuburgDach

Das Dach ist eigentlich nur eine Abfolge mehrerer kleiner, abwechselnd zu beiden Seiten leicht ansteigender und schräg überstehender Spitzdächer. Da die äußersten Dächer aber gewissermaßen halbiert sind, entsteht dennoch ein skulpturaler Effekt.

Wenn man das Gebäude von hier betrachtet, merkt man zudem, daß es ganz falsch ist, bei ihm von einem Hinten und Vorne zu sprechen. Alle seine Seiten sind gleich wichtig.

Aus dem obersten Geschoß und dem Dach der also nicht hinteren Seite des Hochbaus stehen übereinander je zwei Balkone hervor.

PostNeuburgBalkone

Die unteren beiden bestehen aus dem glatten Beton des Bodens, der nach vorne geschwungen ansteigt und zum Geländer wird, einem Blumenkasten und fast transparenten seitlichen Geländern, während die oberen ganz aus Beton und vielleicht nicht einmal wirkliche Balkone sind.

Vor den Toren des zickzackdächigen Hallenteils ist ein großer, etwas tieferliegender Parkplatz für die Postautos.

PostNeuburgAutos

Von links führt eine lange Rampe mit Betongeländern hinab und ringsum ist eine niedrige Betonmauer mit unten abgerundeten Pflanzenkübeln aus Beton. Sie ist wie ein Rahmen, der das Gelb der Postautos geradezu zum Teil der Architektur macht.

Der scharfe Kontrast zwischen Gelb und Grau findet sich auch im übrigen Gebäude. Neben einigen gelben Postlogos ist da die gelbe Telefonzelle an der rechten Eckfläche zur Münchener Straße.

PostNeuburgTelefonzelle

Schon für sich genommen gehört die Telefonzelle des Typs TelH 78 mit dem abgerundeten Dach, den abgerundeten Fenstern und der gelben Verkleidung zu den Meisterwerken westdeutschen Designs. Sie ist wirklich eine Zelle, ein Modul, das auch in einer Raumstation nicht fehl am Platz wäre, und bei der Neuburger Post ist sie gleichsam zu Hause.

Die linke Eckfläche des Komplexes ist wegen der abzweigenden Ostermannstraße etwa dreieckig. Während auf ihrem rechten Gegenstück Parkplätze sind, ist sie als etwas tieferliegender Ruheplatz mit Baum, Bank und Betonmäuerchen, das eine gewisse Abschirmung von der Straße bietet, gestaltet.

PostNeuburgLinks

Zur Straßenecke beschreibt die Mauer einen Viertelkreis, wo früher wohl ein Schriftzug der Bundespost war, bevor sie mit ineinander versetzten geschwungenen Elementen endet. Hier wird der Beton gänzlich ornamental.

PostNeuburgLinkeEckfläche

Beim Hallendach und bei den Balkonen hatte er es schon versucht, blieb aber letztlich doch funktional. Hier nun scheint er sein zweifelhaftes Ziel erreicht zu haben. Oder sind diese Formen doch ein äußerst abstrahiertes Posthorn?

Heute ist das Holz der Bank kaputt und in der Ecke steht eine Paketstation. Es ist zu befürchten, daß sie irgendwann alles sein wird, was von diesem großartigen Gebäude übrigbleibt. Noch aber ist Neuburgs Post nicht nur eine Symphonie aus Beton, sondern eine funktionierende Post. Und sie ist sogar mehr als das Kleinod, das sie auf den ersten Blick schien, da ihre Lage städtebaulich sehr gut gewählt ist. Sie steht nämlich keineswegs zufällig und zusammenhangslos zwischen den Einfamilienhäusern, sondern genau auf halbem Weg zwischen der Innenstadt und dem großen Wohngebiet Schwalbanger. Sie versuchte, die verschiedenen Teile von Neuburg zu verbinden, aber ein einziges Gebäude reicht dafür nie.

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2 Gedanken zu „Die Bundespost in Neuburg

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