Gemeindebau am Mildeplatz

Wenn man an Wiener Gemeindebau denkt, fallen einem wohl zuerst die großen und berühmten Anlagen der Zwanziger ein, vor allem der Karl-Marx-Hof, während einem mindestens im selben Moment die schlichte Großzügigkeit der besten Lösungen aus den Sechzigern, etwa die Johann Böhm-Wohnhausanlage, und die großen unübertroffenen Meisterwerke der Siebziger einfallen sollten, vor allem der Heinz Nittel-Hof. Doch typischer für das Stadtbild Wiens sind die unzähligen kleinen Gemeindebauten, die in den Fünfzigern und Sechzigern entstanden.

GemeindebauMildeplatzGesamt

Ein hübsches Beispiel steht an der Ecke Seitenberggasse/Mildeplatz im 16. Bezirk. In der Seitenberggasse schließt das Gebäude an ein niedrigeres vorstädtisches Mietshaus aus dem späten 19. Jahrhundert an.

GemeindebauMildeplatzSeitenberggasse

Fünf Geschosse, ein leicht überstehendes Dach, das gerne flach wäre, ockerfarbener Putz, regelmäßige größere und kleinere Fenster, bei den Badezimmern nur horizontale Schlitze. Das alles wäre fast unsichtbar schlicht, wenn nicht die Ecke zum Mildeplatz geschickt betont wäre. Direkt nach den letzten Fenstern wird der Putz weiß und der entstehende horizontale Streifen dient dem Wiener Wappen und der Aufschrift, die aus rotem Metall aufgesetzt sind, als Hintergrund. Mit ihnen präsentiert sich das Gebäude stolz als Gemeindebau: „Wohnhaus der Gemeinde Wien errichtet in den Jahren 1958 – 1959“.

GemeindebauMildeplatzAufschrift

Zum Mildeplatz hin sind die Obergeschosse der Ecke erst ganz leicht vorgesetzt und haben dann Balkone mit gewellten Geländern. Nach diesen folgt wieder der ockerfarbene Putz.

GemeindebauMildeplatz

Ganz rechts, wo das Gebäude an ein größeres Mietshaus anschließt, ist der Durchgang in den Hof. Daß er einen dünnen Rahmen aus hellem Stein hat, sieht man vielleicht nicht, aber das Mosaik um ihn sicher.

GemeindebauMildeplatzKunst

Es besteht aus unregelmäßig angeordneten bunten Flächen, die auf seinem großen fast quadratischen Teil links des Durchgangs groß und fast quadratisch sind, und auf seinem schmalen vertikalen Teil rechts schmal und vertikal. Gleichsam fortgesetzt ist diese künstlerische Gestaltung durch die linke Innenwand des Durchgangs, wo unregelmäßig verteilt kleine horizontale und vertikale Fensterschlitze sind. Hinten ihnen ist der Coloniaraum, wie der Müllraum sehr österreichisch und sehr fünfziger Jahre heißt.

GemeindebauMildeplatzColoniaraum

All das ist völlig typisch, obwohl die architektonischen und künstlerischen Lösungen variieren. Zu jedem Gemeindebau gehören neben der roten Aufschrift unbedingt auch Fahnenstangen, damit am 1. Mai, am Nationalfeiertag am 26. Oktober und vielleicht noch am 12. Februar, dem Jahrestag des Bürgerkriegs 1934, österreichische und Wiener Flaggen gehisst werden können, eine Steintafel mit den Namen des Bürgermeisters, einiger Stadträte und schließlich des Architekten

GemeindebauMildeplatzSchild

und eine rote SPÖ-Infotafel.

GemeindebauMildeplatzInfotafel

Um das Problem all dieser kleinen über die Stadt verstreuten Gemeindebauten zu erkennen, muß man bloß in den Hof gehen. Er ist nur ganz klein, etwas Gras, eine Birke, ein paar Hecken, ein paar Blumen. Dicht daneben die Mauern zur Hinterhoflandschaft der alten Gebäude ringsum.

GemeindebauMildeplatzHof

An der überkommenen Stadtstruktur ändern solche Gemeindebauten also rein gar nichts. Sie sind eben Blockrandbebauung und auch ihre Höfe sind oft klein. Sie wollen nichts Neues schaffen, sie können es auch nicht. Sie sind Ausdruck der Unmöglichkeit von Städtebau im Kapitalismus. Und so groß die Macht der Sozialdemokratie in Wien war und teils noch ist, am Privateigentum an Grund und Boden konnte sie nicht rühren. Die Allgegenwart von Gemeindebauten wohin man auch geht ist daher kein Zeichen von Stärke, sondern von Schwäche. Sie sind Symbole einer sozialdemokratischen Macht, die nicht besteht.

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