Erinnerungskultur in Hernals

Auf dem neugestalteten Vorplatz des S-Bahnhofs Hernals im gleichnamigen 17. Bezirk steht eine niedrige Betonmauer mit einer horizontalen Digitalanzeige, auf der jeweils für eine Weile ein Name eingeblendet ist.

DenkmalHernalsTauben

Da das unmöglich für irgendwen irgendetwas bedeuten kann, ist die Mauer flankiert von zwei großen Informationstafeln in schlechtem Deutsch und schlechterem Englisch.

DenkmalHernalsText

Dort kann man dann lesen, daß es sich hier um ein Denkmal für „Verfolgung, Widerstand und Freiheitskampf“ handelt. Die Künstler haben sich bewußt gegen allgemeine Symbolik entschieden und nennen stattdessen die individuellen Personen, damit sich der Betrachter mit diesen identifizieren können, heißt es. Wie idiotisch das ist, muß nicht besonders betont werden. Denn selbst wenn es möglich sein sollte, sich mit einer Person zu identifizieren – mit einem Namen, über den man nichts weiteres weiß, kann man es bestimmt nicht.

Aber das Denkmal paßt gut in die gegenwärtige Erinnerungskultur. Es stützt sich auf die Lüge, daß es ein reines Erinnern, ein Erinnern um des Erinnern willen, ein Erinnern ohne Zweck geben könne. Aber Erinnern dient nicht der Vergangenheit und den Opfern, sondern der Gegenwart und den gegenwärtigen Menschen. Es sagt etwas darüber aus, was für eine Zukunft sie wollen. Die Opfer sind tot und ihr Tod kann nur ihren Verwandten etwas bedeuten. Für die Gegenwart und die Zukunft stellt sich die Frage, was aus dem Verbrechen, dessen Opfer sie wurden, für Schlüsse zu ziehen sind. Jedes unpersönliche Erinnern ist nicht zwangsläufig ein Mißbrauch, aber sicher ein Gebrauch des Geschehenen. Wenn wie in Hernals zweckfrei erinnert werden soll, kann es genausogut auch einfach nicht geschehen.

Aber Platz für einen hassenswerten neuen Zweck bleibt doch immer noch: auf der Tafel steht, es solle gezeigt werden, daß Widerstand eine individuelle Entscheidung gewesen sei. Das ist schlichtweg eine Beleidigung der Opfer. Denn ein sozialdemokratischer oder kommunistischer Widerstandskämpfer handelte eben als Sozialdemokrat oder Kommunist, als Teil einer, wenigstens ideellen, Organisation und mit einem bestimmten Ziel. Diese Organisationen und diese Ziele zu nennen, würde ihn mehr ehren als sein banaler Name, den er im Dienste der Organisation und des Ziels sicher bereitwillig geändert hätte.

Das Beste, was man über dieses Denkmal in Hernals sagen kann, ist, daß es sich eh nie jemand ansehen wird. Und immerhin die Tauben scheinen es zu mögen.

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