Archiv für den Monat Juli 2016

Barock als Befreiung

Man sollte den Barock als eine Befreiung betrachten. Zwei kleine Wiener Beispiele mögen das illustrieren:

SpiralsäulenJesuitenkirche

In der Jesuitenkirche im 1. Bezirk sind die meisten seitlichen Altare von klassischen Säulen aus kostbarem bunten Marmor flankiert, doch vier haben stattdessen spiralförmig gewundene Säulen. Es wirkt, als haben Wellen eine Säule aus weicherem Stein als Marmor nach und nach zu dieser bizarren Form aufgeweicht.

GiebelRochuskirche

Die Rochuskirche im 3. Bezirk hat einen klassischen Dreiecksgiebel, doch sie hat darüber auch noch einen flachen Bogengiebel. Es wirkt, als sei Wind in die geraden Linien des ersten Giebels gefahren und habe sie gleich einem Segel zu den geschwungenen Linien des zweiten Giebels aufgebläht.

Genau so, wie aufweichendes Wasser oder frischer Wind, wirkte der Barock für die starren antiken Formen der Renaissance. Sicherlich wirken doppelte Giebel oder spiralförmige Säulen etwas lächerlich, da sie so offenkundig dem ursprünglichen Sinn von Dreiecksgiebeln und Säulen widersprechen. Aber ist es nicht überhaupt lächerlich, Dreiecksgiebel oder Säulen zu verwenden, wenn man keine römischen Tempel mehr bauen will? Die offensichtlich lächerlichen Formen des Barock entlarven bloß die Lächerlichkeit, die es immer bedeutet, sich für Bauvorhaben der Gegenwart an Vorbildern aus der Geschichte zu orientieren. Sie sind so etwas wie ein ironischer Kommentar. Was der Barock damit letztlich sagt ist auch: nicht nur die Formen, auch die Gebäude könnten ganz anders sein. Sie könnten funktional zusammengefügte Module sein, sie könnten dreieckig sein, sie könnten so vieles sein, was sie bei den Römern oder Griechen nie sein konnten!

Es stimmt, daß die Befreiung der Schmuckformen von historischen Vorbildern im Barock selten zu einer wirklichen Befreiung des Bauens führte und aufgrund des Entwicklungsstand der Produktivkräfte wohl auch nicht führen konnte, daß ein wahrhaft radikaler Barock über Ansätze nie hinauskam. Aber der Barock war zumindest ein Schritt in die richtige Richtung, ein Schritt weg von der Vergangenheit und hin zu einer Zukunft. Doch dann kam der Klassizismus, das Empire, die Rückbesinnung auf die Antike und dann kam Semper und in seinem Gefolge mit dem Historismus der endgültige Verfall. Erst der Jugendstil befreite die Schmuckformen wieder von der Geschichte, er war ein neuer Barock, aber er wurde schon kaum mehr gebraucht, denn nun war die Zeit reif, waren die Produktivkräfte hinreichend entwickelt für eine befreite fortschrittliche Architektur.

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Schoorldammerbrug

Karel Teige schreibt in seinem Text „Konstruktivismus a likvidace ‚umění‘“ (Der Konstruktivismus und die Liquidierung der ‚Kunst‘) von 1925, daß Schönheit bloß das Ergebnis vollendeter Funktionalität sei. Wenn eine Maschine auf uns also nicht schön wirke, dann funktioniere sie eben noch nicht gut genug. Ich bin von diesem Zusammenhang nicht völlig überzeugt, aber es gibt für mich doch wenig Befriedigenderes, als eine Maschine zu sehen, die perfekt funktioniert und dabei schön ist.

Typische niederländische Ziehbrücken sind solche Maschinen. Als recht beliebig gewähltes Beispiel hier die 1975 errichtete Schoorldammerbrug (Schoorldammer Brücke) in Schoorldam am Noordhollandsch Kanaal (Nordholländischen Kanal).

SchoorldammerbrugGesamt

(Bilder zum Vergrößern anklicken)

Sie existiert nur, um eine Funktion zu erfüllen: Autos die Überfahrt auf der Straße und Booten die Durchfahrt auf dem Wasser zu ermöglichen. Dazu hat sie beidseits der Straßen einen hohen Stahlpfeiler, auf dem mittig ein Stahlbalken in einer Art Pinzettenform ruht, dessen offener und dickerer Teil zum Land zeigt, während am geschlossenen Teil eine dünne runde Strebe leicht schräg mit der anderen Seite der Brückenfläche verbunden ist. Die meiste Zeit sieht man diese Brücke, diese Maschine, nur so, im Stillstand. Ein T aus Stahl, eine Vertikale und eine Horizontale, weniger deutlich die zweite Vertikale.

Wie perfekt diese Maschine ihre Funktion erfüllt, erlebt man, wenn ein Boot durchfährt.

SchoorldammerbrugBoot

Kaum eine halbe Minute und die Brücke hat sich geöffnet. Die Pfeiler, die Balken, die Streben, die Brückenfläche bilden nun fast eine hoch aufragende Linie.

SchoorldammerbrugOffen

Etwas stetige Bewegung nur, weder schnell noch langsam, um aus den ausgewogenen Vertikalen und Horizontalen eine einzige Vertikale zu machen, die aber nicht weniger ausgewogen wirkt. Eine weitere halbe Minute, nachdem die Boote durch sind, und die Brücke ist wieder geschlossen. Wieder steht sie so bewegungslos wie zuvor. Die Kraft, die ihre Funktion erfordert, ist ihr nicht anzusehen, nicht einmal im Moment des Kraftaufwands. Falls eine Ziehbrücke noch besser funktionieren könnte als diese, kann man es sich nicht vorstellen. Denn sie ist schön. Eine einfache Form in der flachen Landschaft. Und ihre Schönheit ist einzig Nebeneffekt ihrer Funktion.

Angesichts der Schoorldammerbrug würde ich Teige zu gerne recht geben. Sie fordert dazu auf. Und zur Brücke, der einen Maschine, kommt noch ein kleines Gebäude, eine zweite Maschine.

SchoorldammerbrugGebäude

Es steht auf der den Pfeilern gegenüberliegenden Seite, neben der zu öffnenden Brückenfläche. Nur ein abgerundeter Sockel mit brauner Kachelverkleidung und Glastür, eine größere Terrasse aus Beton mit Stahlgeländern, zu der rechts eine stählerne Wendeltreppe führt, und ein rundum verglaster Raum, dessen Wände nach außen und oben schräg ansteigen. Das ist der Kontrollraum der Brücke und er wirkt so perfekt funktional und schön wie sie. Anders als sie hat er seine Funktion jedoch verloren, seit sie ferngesteuert wird. Er steht leer, Hülle, perfekt, schön, aber nutzlos, er wurde, könnte man sagen, zum abstrakten Kunstwerk. Das ist vielleicht das traurigste Schicksal für ein Gebäude, das für die Funktion existiert. Doch es bleibt die Brücke und mir etwas mehr Glaube an Teige.