Perchtoldsdorf in der Zukunft

Perchtoldsdorf ist Mittelalter und Autos. Der Barock blieb weitgehend Absichtserklärung in Form einer großartigen Pestsäule auf dem Marktplatz. Erst in den siebziger Jahren schenkte der sozialdemokratisch gezähmte Kapitalismus Perchtoldsdorf einen kleinen Ansatz fortschrittlicher Stadtplanung. Es tat einen Schritt in die Zukunft.

Der Wehrturm ist auch insofern der Mittelpunkt des alten Perchtoldsdorf, als unweit von ihm die vom Tal hinaufführende Wiener Gasse auf die durch den Marktplatz führende Hochstraße trifft.

PerchtoldsdorfKnappenhofWehrturm

Beide dieser Hauptstraßen sind eng und voller Verkehr. Aber nur ein Stück hinter ihrem Aufeinandertreffen beginnt der Zellpark, der parallel zur Wiener Gasse hinabführt.

ZellparkPerchtoldsdorfEingang

Zwischen einem neuen Kindergarten und den Rückseiten alter Häuser öffnet er sich.

ZellparkPerchtoldsdorfBecken

Es geht eine Treppe hinab, an einem rechteckigen Teich mit abgerundeten Ecken vorbei und plötzlich in einen barocken Garten.

ZellparkPerchtoldsdorfGartenKulturzentrum

Er gehört zum Knappenhof, einem auch zur Wiener Gasse stattlichen Barockbau, der aber doch erst von hinten wirklich zu sehen ist und zum kleinen Schloß wird.

ZellparkKnappenhofGartenPerchtoldsberg

Drei Geschosse unter einem Walmdach, das Erdgeschoß durch horizontale weiße Streifen im gelben Putz, die oberen Geschosse durch vertikale Streifen zwischen den Fenstern gegliedert.

ZellparkPerchtoldsdorfKnappenhofHof

Ein öffentlicher Durchgang führt von der Wiener Gasse in den Hof, der nur für Perchtoldsdorfer Verhältnisse groß ist, und durch ein weiteres Tor, um das eine von eher bedrohlichen Atlanten getragene Treppe ist, in den Garten.

Dieser verläuft quer zum übrigen Park, doch nichts trennt ihn von ihm. Seine halbrund endende Fläche ist bloß von niedrigen Pflasterstufen, Bäumen und Skulpturen markiert. Diese acht symbolischen oder mythischen Gestalten sind von Religion befreiter Barock. Was auf dem Marktplatz noch ernst und christlich sein mußte, ist hier reine Lebensfreude. Hier ist die hinter der Pestsäule liegende Rosalia aufgestanden, hat die Augen geöffnet, den Rosenkranz vom Kopf genommen und scheint Tanzen zu wollen.

ZellparkPerchtoldsdorfSkulpturRosen

Hier ist im Kleinen der Traum des Barock, alles Ordnung und Schönheit sein zu lassen, realisiert. Hier ist Perchtoldsdorfs Belevedere. Das Mittelalter ist hier zwar noch immer nah, drohend ragen Wehrturm und Kirche im Hintergrund auf, aber seinem Grau sind Weiß und Grün, seiner Enge ist Offenheit gegenübergestellt.

ZellparkPerchtoldsdorfSkulpturenMittelalter

Vor allem jedoch sind die streng geometrischen Beete, die Skulpturen und die Bäume, die einst exklusiv, von Mauern umschlossen waren, von der fortschrittlichen Stadtplanung aufgehoben. Sie sind nurmehr ein Teil eines größeren Parks. Zu den barocken Skulpturen kamen die überall an den Wegen verteilten Skulpturen eines Bildhauersymposiums von 1976, die ihre abstrakte Banalität immerhin oft nicht mit hochtrabenden Namen kaschieren.

ZellparkPerchtoldsdorfBildhauersymposium

Den Abschluß des Zellparks bildet das ebenfalls 1976 errichtete Perchtoldsdorfer Kulturzentrum.

ZellparkPerchtoldsdorfKulturzentrumKnappenhof

Es steht dort, wo der Park nach dem barocken Garten nach links abzweigt, etwas tiefer, schon auf der Höhe der nächsten Straße.

ZellparkPerchtoldsdorfKulturzentrum

Ein quadratischer Stahlbau, viergeschossig, weißer Putz und Fensterbänder, markante Lüftungsrohre, die unteren drei Geschosse jeweils durch ein schräges Glasdach modulartig voneinander abgesetzt, das vierte Geschoß leicht zurückgesetzt mit schrägem Glasdach, das nun einen umlaufenden Balkon überspannt. Zwei Brücken verbinden das zweite Geschoß mit dem Park. Am Kulturzentrum vorbei gelangt man auf die Beatrixgasse und ist wieder im typischen Perchtoldsdorf.

Das Kulturzentrum ist für sich genommen ein gelungener, aber nicht weiter herausragender Bau seiner Zeit, ganz wie der Knappenhof für sich genommen ein gelungener, aber nicht weiter herausragender Bau der seinigen war. Aber das ist nicht entscheidend, da beide durch den neuen Raum, den Zellpark, zu etwas zusammengefügt sind, das größer ist als sie selbst.

Nicht einmal dieser Park wäre für sich genommen herausragend, wenn er nicht in Perchtoldsdorf läge. Was im Barock ein Traum oder unzugängliche Exklusivität war, wird hier als wirkliche Möglichkeit erkennbar. Es geht um nicht weniger, als um eine Neuschöpfung der Stadt, in der alles zu harmonischer Ordnung und Schönheit verbunden ist. Abwechslungsreicher öffentlicher Raum mit guten Verbindungen in die umliegende Stadt und das ganz ohne Autos – für Perchtoldsdorf ist das die Zukunft, was auch zeigt, wie fern es noch von der Zukunft ist. Der Park konnte nur entstehen, weil die Gemeinde im Jahre 1971 den Knappenhof samt einem alten Freibad, dem Zellbad, ankaufen konnte. Direkt daneben aber ist ein fast ebensogroßes Areal noch immer in Privatbesitz. Es ist klar, daß der Zellpark der Kern, die Keimzelle eines neuen Perchtoldsdorf sein könnte und in den Hoffnungen seiner Planer auch hätte sein sollen. Aber die Verbindung über die Beatrixgasse und die große Donauwörther Straße hinweg zum Freizeitzentrum, wo unter anderem ein neues Schwimmbad ist, und zu dem Weg, der über die Weinberge nach Wien hinein führt, ist kaum vorhanden. Das Problem war, wie immer, der Privatbesitz an Grund und Boden.

Daß das heutige Perchtoldsdorf von der Zukunft auch nichts wissen will, sondern mit Mittelalter und Autos ganz zufrieden ist, sieht man, wenn man die Hochstraße etwas weiter geht: dort wird ein neuer Parkplatz gebaut.

PerchtoldsdorfNeuerParkplatz

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2 Gedanken zu „Perchtoldsdorf in der Zukunft

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