Perchtoldsdorf im Barock

Perchtoldsdorf ist Mittelalter und Autos, aber etwas brachte auch ihm der Barock. Einige Verängerungen, wie die kleinen grünen Kupferhauben auf den vier Ecktürmen des Wehrturms und einem Treppenhaus der Kirche, waren bloße Kosmetik. Doch wie eine Absichtserklärung ist die hohe Pestsäule, die weiß und hell vor dem mittelalterlichen Grau der Kirchen und des Turms steht.

PestsäulePerchtoldsdorfGesamt

Nichts unterscheidet diese Säule grundsätzlich von ungezählten anderen aus demselben Zeitraum, aber zugleich gehört sie ganz nach Perchtoldsdorf. Um die Rettung des Orts vor der Pest zu feiern, wurde sie ab 1713 errichtet. Wie üblich bei solchen Bauten, kann man das, was oben, auf der eigentlichen, hier korinthischen Säule ist, einfach ignorieren. Jesus mit Kreuz und Gott mit einem Zepter in den Wolken sitzend, dazwischen in goldenen Strahlen die Taube, nichts davon kann oder soll dem Menschen irgendetwas sagen. Auch die ekstatisch verrenkte Maria vorne auf dem hohen Sockel ist fern und uninteressant. Die mit ihr und vielen kleinen Putten dort stehenden schildtragenden Engel hingegen faszinieren mit hübschen geschlechtslosen Gesichtern.

PestsäulePerchtoldsdorfMariaEngel

Nah, wenn auch noch immer erhöht, sind die acht Heiligen auf dem runden Geländer vor dem Sockel. Es ist eine breitgefächerte Auswahl aus dem bunten Angebot der christlichen Mythologie, in der dezent die Beschützer vor der Pest und anderen Krankheiten betont sind. Vom unglücklich pfeildurchbohrten Sebastian bis zu einem je nach Perspektive reichlich dümmlich dreinschauenden Johannes von Nepomuk ist vieles vertreten.

PestsäulePerchtoldsdorfJohannesVonNepomuk

Auf der Vorderseite des Sockels, endlich auf Augenhöhe, ist ein Relief.

PestsäulePerchtoldsdorfRelief

Man sieht im Vordergrund einen hinsinkenden Alten, der die Hand flehend zum Himmel hebt, eine schon tot daliegende halbnackte Frau und einen Mann, der den Kopf eines Kleinkinds hebt und erschreckt die Hand vor den Mund hält – man sieht die Pest. In der mittleren Ebene sieht man eine Landschaft mit hölzerner Brücke und einen zwiebeltürmigen Gebäudekomplex, ein Krankenhaus im damals vor Wien liegenden Alsergrund, und auch hier ist die Pest in vielen Details allgegenwärtig: Sterbende, in den Straßengraben gefallene Leichen, ein Totegngräber, ein Ochsenkarren voller Leichen.

PestsäulePerchtoldsdorfReliefToteWagen

Im Hintergrund, in der Ferne liegt Wien mit Stadtmauern und Stephansdom.

PestsäulePerchtoldsdorfReliefWien

Ganz wie bei der Säule kann man auch in diesem Relief den oberen Teil ignorieren. Da sind bloß Wolken und ein Engel, der dem links in typischer Gleichgültigkeit dasitzenden Gott ein Schwert bringt.

Mitten zwischen dem fernen Gott und den fremden Heiligen, um die es vorgeblich ging, zeigt die Pestsäule die Wirklichkeit, die jeder, die sie damals betrachtete, kannte. Perchtoldsdorf war von den Schrecken verschont geblieben, viele wohlhabende Wiener hatten sich hierher geflüchtet und die Säule war ein Ausdruck des Dankes. Die reichen Gönner bauten Perchtoldsdorf selbst ein Denkmal und ihr Mittel dazu war der Barock. Das war das Mindeste, was der Barock tun konnte, wenn er schon kein neues Perchtoldsdorf bauen konnte.

Als Kehrseite des abgewendeten Schreckens zeigt die Säule die Schönheit des Lebens. Denn außer den acht stehenden männlichen Heiligen ist da noch eine weibliche Heilige: Rosalia.

PestsäulePerchtoldsdorfRosalia

Auf der Rückseite liegt sie zwischen den Füßen zweier der Männer auf dem Geländer. Sie liegt auf der Seite, den lockigen Kopf mit Rosen in die linke Hand gestützt, die Augen in ihrem schönen Gesicht geschlossen, in der rechten Hand, die auf ihrer Hüfte ruht, einen Strauß Rosen und den schlanken Körper im dünnen Gewand fast an den vor ihr liegenden Totenkopf gekuschelt. Sie ist der Sieg des Lebens über den Tod und etwas Religiöses hat sie so wenig an sich wie das Relief vorne. Sie scheint dort nur zufällig zu liegen und man versteht, daß sie vor dem grauen Wehrturm die Augen verschließt und sich ganz woandershin träumt, weit weg vom Mittelalter und von Perchtoldsdorf.

Das Ensemble der Pestsäule ist in seiner heutigen Form nicht etwa reiner Barock von 1713, sondern Ergebnis der Renovierungsarbeiten dreier Jahrhunderte (ein guter Überblick hier ab Seite 4). Die größte Veränderungen stammen von 1888, als es seine heutige Form bekam. Die beiden vorderen Statuen, links Augustinus, rechts Antonius, sind ein Werk des neobarock arbeitenden Wiener Bildhauers Viktor Tilgner. Er hatte die hübsche, aber recht unbarocke Idee, den Heiligen nicht abstrakte Attribute, sondern konkrete Perchtoldsdorfer Gebäude zur Seite zu stellen: Rechts bei Antonius der nahe Wehrturm.

PestsäulePerchtoldsdorfAntoniusTurm

Links bei Augustinus die etwas fernere ebenfalls gotische Spitalskirche. Sie repräsentieren Perchtoldsdorf und sind schon beinahe Teil des Reliefs, das sie rahmen.

Auch der Kapitalismus des 19. Jahrhundert kam also nicht über den ästhetischen Widerstand der Pestsäule hinaus, ja, er milderte ihr Widerständiges durch die Einfügung der mittelalterlichen Gebäude. Während der Barock die neue Welt, die er wollte, das Baudelaire’sche „Là, tout n’est qu’ordre et beauté, / luxe, calme et volupté“ (Dort ist alles nur Ruhe und Schönheit, Pracht, Ruhe und Wollust“, aufgrund der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Grundlagen nie hätte bringen können, hatte der Kapitalismus keine solche Entschuldigung. Es sollte noch fast hundert Jahre dauern, bevor Perchtoldsdorf einen kleinen Ansatz fortschrittlicher Stadtplanung bekam.

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2 Gedanken zu „Perchtoldsdorf im Barock

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