Perchtoldsdorf im Mittelalter

Perchtoldsdorf, das ist Suburbia. Kaum bräuchte man es speziell zu nennen, ist es doch bloß Teil der schier unendlichen vorstädtischen Landschaft in der flachen Ebene südlich von Wien. So wie Wien nahtlos in Perchtoldsdorf übergeht, geht Perchtoldsdorf nahtlos in Brunn am Gebirge über. Und so geht es weiter, Ort an Ort bis nach Wiener Neustadt, obwohl die administrativen Gliederungen jeden Sinn verloren haben, gar kontraproduktiv sind. Immer Einfamilienhäuser, immer Gewerbegebiete und immer Straßen, die alles verbinden, aber nichts ordnen.

Perchtoldsdorf ist aber auch ein altes Dorf am Fuße des Wienerwalds. Höher gelegen als die neueren, weit größeren Teile, dient es ihnen, ein wenig, als Zentrum. Hier ist Perchtoldsdorf unzählige Male verändertes Mittelalter voller Autos. Ein typischer Perchtoldsdorfer Bau hat restaurierte Renaissancemuster neben einem Garagentor.

TypischesGebäudePerchtoldsdorf

Wie hübsch dieses mittelalterliche und automobile Perchtoldsdorf sein kann, zeigt ausgerechnet das Gebäude der Polizei, was auch daran liegt, daß es nicht speziell für diese errichtet wurde.

PolizeiPerchtoldsdorf

Es hat rechts ein spitzbögiges Tor als Einfahrt, während links ein leicht herausragender Balken von einem ganz kleinen Atlanten getragen wird.

AtlantPolizeiPerchtoldsdorf

Dessen simple, fast rohe Formen entsprechen der simplen Realitätsnähe der Figur, die mit neben den Kopf erhobenen Armen tatsächlich nicht mehr oder weniger tut, als eine Last zu tragen oder hinter sich herzuziehen. Ein kleiner Dorfsteinmetz – oder gar der dilettierende Erbauer des Hauses? – reduzierte den Atlanten hier noch einmal auf konkretestes Tragen und gab ihm beinahe einen mehr als schmückenden Sinn.

Ob man die Spuren des Mittelalters aber hübsch findet oder nicht, immer sieht man sie gepaart mit Autos. Auf allen Straßen ständiger Verkehr, jeder Platz ein Parkplatz. Nicht einmal der Marktplatz hat seinen Namen verdient, denn auch hier drängen sich die Fußgänger auf Gehsteigen und um einen Brunnen, während der größte Teil von der Straße und Parkplätzen eingenommen wird.

Auch die markanten Gebäude von Perchtoldsdorf sind aus dem Mittelalter. Höher noch als das Dorf und sein Platz liegt die Ruine einer Burg, deren ältesten Teile romanisch sind.

BurgPerchtoldsdorf

Heute versteckt sich hinter ihren Mauern ein Veranstaltungszentrum, von dem man vor allem einen großen Parkplatz sieht.

BurgParkplatzPerchtoldsdorf

Weit davor, den Marktplatz, halb Perchtoldsdorf und Teile seiner Umgebung dominierend, steht ein großer gotischer Wehrturm.

WehrturmPerchtoldsdorf

Quadratischer Grundriß, lange nur kleine, schießschartenartige Fenster in der Mitte der Seiten, dann ein Umgang und noch einmal hohe spitzbögige Fenster, ganz oben vier Ecktürmchen und ein hohes sich stark verjüngendes Walmdach. Das ist einmal Gotik, die ganz dem entspricht, was sich die meiste Neogotik darunter vorstellte: machtvoll, schroff, abweisend. Genau so wurden im späten 19. Jahrhundert in Preußen Rathäuser gebaut. Doch während diese preußische Architektur nur die Untertanen einschüchtern sollte, hatte die in Perchtoldsdorf eine Funktion: Turm wie Burg waren Teil eines Festungsgürtels vorm Wienerwald. Das zeigt eindrücklich, wie sich die Neostile, besonders in ihrer Spätzeit, immer die Aspekte ihrer Vorbilder auswählten, die ihnen nützlich waren und das waren selten die guten.

Zwischen Burg und Turm stehen gotische zwei Sakralbauten.

GrauPerchtoldsdarf

Die Martinikapelle links ist, obwohl sie aus Befestigungsanlagen erwuchs, beinahe zierlich mit ihrem abschließenden Chor und dem hohen Satteldach.

MartinikapellePerchtoldsdorf

Die Pfarrkirche hingegen ist so groß und hoch, daß sie den Turm beinahe zwingt, ihr Kirchturm zu sein.

Blickt man den langgestreckten Marktplatz entlang, ragen diese vier Bauten als einzige grausteinerne Masse auf, fast mehr wie ein Fels als wie Werke der Architektur.

MarktplatzPerchtoldsdorf

Für den Barock muß der Anblick dieses Mittelalter so grauenvoll gewesen sein, wie heute das Erlebnis der Autofixiertheit grauenvoll für den fortschrittlichen Städtebau ist. Machtlos war jener und ist dieser, aber etwas, wenig, taten sie beide. Sie setzten dem Perchtoldsdorf des Mittelalters ein Perchtoldsdorf des Barock und ein Perchtoldsdorf der Zukunft entgegen. Man würde es nicht ahnen, wenn man vom Park oberhalb der Stadt in die Ferne blickt. Dort denkt man bloß: „suburbia’s sprawling everywhere“.

SuburbiaPerchtoldsdorf

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3 Gedanken zu „Perchtoldsdorf im Mittelalter

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