Romantik des Gewerbegebiets

Am nördlichen Rand von Bad Vilbel liegt ein Gewerbegebiet, fast versteckt zwischen dem Fluß Nidda, einer abzweigenden Bahnstrecke und der aus der Stadt hinausführenden Friedberger Straße. Die Straße überquert die Bahnstrecke auf einer Brücke, was im Jahre 1962, als sie gebaut wurde, der ganze Stolz der Stadt war. Diese Brücke, die nur an einer Stelle auf zwei schlanken V-Stützen ruht, war Fortschritt und Motorisierung. Sie wurde, vielleicht, auf Ansichtskarten abgebildet.

FriedbergerStraßeBadVilbelBrücke

Ebenso neu und ebenso Grund für Stolz war das Gewerbegebiet selbst. Es schuf „die Möglichkeit, daß einige Mineralwasserbetriebe ihre Produktions- oder Lagerstätten aus dem beengten Stadtkern abziehen und modernisieren können“ (aus der Begründung des Bebauungsplans von 1970). Noch heute ist es von der für Bad Vilbel charakteristischen Mineralwasserindustrie geprägt. Der Weg hinein führt unter einer gläsernen Brücke hindurch, in der Maschinen Wasserkästen von einer Halle in die andere transportieren.

Doch bald dahinter beginnt die Welt von brother. Man kann sich denken, wie stolz das kleine Bad Vilbel im Jahre 1974 erst darauf war, den Deutschlandsitz eines japanischen Schreib- und Nähmaschinenherstellers zu sich geholt zu haben und das auch noch aus dem nahen Frankfurt. Der Sitz von brother ist denn auch die strahlende Blume des Gewerbegebiets.

brotherBadVilbelGesamt

Im leichten Bogen der Straße sieht man eine große wellblechverkleidete Halle mit dem blauen brother-Schriftzug und ein dreigeschossiges Bürogebäude aus dunkelgrauem Waschbeton. Ein Anlieferungsbereich liegt etwas tiefer und ist von der Straße durch Baum- und Buschbepflanzung abgegrenzt. Aus der hohen Halle und einer niedrigeren verbindenden Halle öffnen sich zu ihm schräg vorgesetzte Ladedocks.

brotherBadVilbelAnlieferung

Der Bürobau, sieht man nun, ist eigentlich noch ein Geschoß höher, ruht aber auf Stützen. Parallel zur Straße, aufgestützt über dem tieferliegenden Anlieferungsbereich, erstrecken sich die drei Geschosse. Am anderen Ende schließt quer nach hinten ein weiterer zweigeschossiger Bürotrakt an.

brotherBadVilbelWiese

Beide bestehen aus vorgefertigten grauen Betonplatten mit regelmäßigen Fenstern. Tausendmal gesehen also, wie überall, aber nicht völlig, da sowohl die Ecken der Gebäude, als auch die der Fenster leicht abgerundet sind.

Der Eingang ist gleichsam versteckt zwischen der niedrigeren Halle und dem zweigeschossigen Trakt. Um dorthin zu gelangen, geht man zwischen üppigen Pflanzen eine Treppe mit Betongeländern hinab und unter dem aufgestützten Trakt hindurch.

brotherBadVilbelTreppe

Rechts sieht man die Ladedocks, die Produktionsanlagen. Links sieht man, wie der tieferliegende Bereich wieder zur Straße hinaufführt, aber mit einem von Grün gerahmten Schwung, der schon nichts mehr von der Anlieferung zu einem Industriebetrieb hat, sondern an die Zufahrt zu einem Luxushotel oder einem Anwesen erinnert.

brotherBadVilbelAuffahrt

Und vor sich sieht man hinter Beeten mit wohlgewählten Pflanzen und Steinen das verglaste und holzvertäfelte Eingangsfoyer, zu dem noch eine kleine Treppe führt.

brotherBadVilbelEingang

Diese Eingangssituation ist äußerst dezent, ohne jede Monumentalität, aber doch sehr wirkungsvoll. Der ganze Betrieb wird einem auf diesem kurzen Weg vorgestellt und der Eingang ist wie eine Blüte, die sich tief im Grau versteckt.

Die Schmalseite des aufgestützten Trakts und der zweigeschossige Trakt öffnen sich nach links zu einer verschwenderisch großen Wiese, mit der das Gewerbegebiet beinahe endet. Und der gesamte brother-Komplex öffnet sich von der Straße weg zu den Feldern am Ufer der Nidda.

brotherBadVilbelFelder

So ist das Gebäude von brother selbst wie eine Blume, eingebettet zwischen Industrie und Natur. Seine Architektur weiß beides auf schlichte, aber schöne Weise zu verbinden.

Wenn man will, kann man sagen, daß das Gebäude zu brother, das heute Drucker statt Schreibmaschinen und immer noch Nähmaschinen herstellt, paßt. So wie nur ein japanisches Unternehmen auf einen schönen und schlichten englischen Namen wie brother kommen konnte, konnte vielleicht nur ein solches Unternehmen sich einen so schönen und schlichten Deutschlandsitz bauen. Seine Architektur lebt nicht von Effekten der Oberfläche, sondern vom Raum, den sie schafft, und darin kann man, wieso nicht, einen japanischen Einfluß sehen. Heute wirkt die Zurückhaltung und raffinierte Einfachheit dieser Architektur aber zugleich altmodisch. Auch das paßt zu brother, denn was wirkte altmodischer als ein Druckerhersteller in einer Zeit, in der es überall Internet gibt?

So wie brother sicher versucht, seine Produkte zu diversifizieren, um relevant zu bleiben, wurde irgendwann versucht, das Gebäude irgendeiner Architekturmode anzupassen, indem vor das rechts im aufgestützten Trakt befindliche Treppenhaus blaues Glas geklebt und wie nicht abgeschnitten über das Dach hinausstehen gelassen wurde.

brotherBadVilbelTreppenhaus

Die gewendelte Treppe zu einem Eingang im Treppenhaus gab es schon immer, aber jetzt soll dort der Haupteingang sein. Der Versuch, modisch zu sein, wirkt nur verzweifelt und lächerlich. Das blaue Glas bleibt ein effektheischender Fremdkörper auf der übrigen Architektur. Doch es täuscht auch niemanden. Das brother-Gebäude kann gar nicht anders, als eine schlichte und schöne Blume zu sein.

Das Gewerbegebiet heißt übrigens: Im Rosengarten.

Advertisements