Erkundungen auf Friedhöfen: Peterskirchhof Frankfurt

„In Betrachtung menschlicher Sterblichkeit“ – so beginnen die Inschriften auf einigen Steinen des Peterskirchhofs in Frankfurt. Er ist der zentralste Friedhof der Stadt und neben dem jüdischen auch der älteste, aber dennoch ist er ein seltsam abgelegener und obskurer Ort. Obwohl die heutige Entsprechung der Formulierung eher „in Anbetracht“ lautet, bietet es sich an, sie mißzuverstehen, denn auf dem Peterskirchhof steht man in Betrachtung der Sterblichkeit menschlicher Friedhöfe und Gräber.

Zwischen Bleichstraße und Stephanstraße gelegen, bildet der Friedhof ein Hufeisen um die wie erstere Straße etwas erhöhte Peterskirche, einen nichtigen Neosonstwasbau von 1894, die heute als jugend-kultur-kirche (sic!) um eine Existenzberechtigung heischt.

PeterskirchhofFrankfurtKirche

Rechts neben der Kirche, wo der Fußgängerverkehr entlangfließt, sind nur wenige Gräber. Vorne an der Stephanstraße ist eine Wiese, auf der eher als die Gräber in den Mauern eine große Kreuzigungsgruppe den Blick auf sich zieht.

PeterskirchhofFrankfurtKreuz

Sie wirkt barock, ist aber spätgotisch, was man am, wie es heute heißt, Hijab der Maria

PeterskirchhofFrankfurtMaria

und vor allem den winzigen Stifterfiguren zu ihren Füßen merkt.

PeterskirchhofFrankfurtStifterfiguren

Ebenfalls vorne, aber von einer Mauer abgetrennt, ist eine Wiese, auf der im Sommer Kinder spielen, für die es auch noch einen Spielplatz in der linken Ecke gibt.

PeterskirchhofFrankfurtSpielplatz

Der Bereich links der Kirche bildet eine vollständig geschlossene Senke unter hohen Bäumen, still und verlassen, potentiell eine Ruheinsel in der Stadt, praktisch eher Toilette und Mülleimer.

PeterskirchhofFrankfurtLinkerTeil

Die meist in den Wänden und Mauern eingelassenen Gräber aus dem 17. und 18. Jahrhundert erzählen vom reichsten Bürgertum der Reichsstadt Frankfurt. Einige Inschriften, die der bildungsbeflisseneren Bürger, sind lateinisch geschrieben, die meisten aber deutsch. Es gibt viele „Bürger-Kapitäne“, Räte, preußische oder österreichische Funktionäre oder Träger lange vergessener Adelstitel. Einige Gräber sind recht schlicht, Tafeln aus ortstypischem roten Sandstein oder grauem Stein, aber es gibt auch sehr prächtige, die mit Säulen und Bögen den Portalen barocker Paläste oder Kirche gleichen.

PeterskirchhofFrankfurtPrunkgrab

Die Inschriften sind nur selten nüchterne Aufzählungen von Daten, sondern meist kleine Erzählungen in ganzen Sätzen. Manche versuchen sich gar an Reimen. Die religiösen Bezüge sind nie überschwänglich, sondern geprägt von einer Selbstsicherheit, die sich ein reicher Bürger eben leisten konnte. „Die Auferstehung macht, daß ich den Tod nicht acht“, lautet ein typischer Spruch. Wenn einmal der religiöse Bezug der Namensnennung vorangestellt ist, wirkt das hysterisch, und wenn von einem „elenden betrübten Leben“ geschrieben steht, wirkt das depressiv. „18 Jahr 27 Tag in einer vergnügten Ehe gelebt und durch Gottes Segen 12 Kinder erzeugt“ zu haben, ist weit typischer.

PeterskirchhofFrankfurtGrabFrancken

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Frauen und Kinder, aufgeteilt in geborene und überlebende, sind meist als Anhängsel des Mannes, dem der Grabstein hauptsächlich gilt, aufgeführt. Wenn, wie im Falle des Silberhändlers Philipp Henrich Schonling, der Mann tatsächlich all seine Gattinnen und sogar all seine Kinder und eine Enkelin überlebte, ist das auch naheliegend.

PeterskirchhofFrankfurtGrabSchonling

Doch es ändert sich auch dann nicht, wenn die Frauen ihre Männer überlebten. Eine etwa erklärt viele Jahre nach dem Tod ihres Gatten in geradezu verfälschender Verkürzung einer Bibelstelle: „Ich habe Lust abzuscheiden und bey Christo zu seyn.“

PeterskirchhofFrankfurtGrabRumpel

Einmal jedoch, beim Grab des Bürger-Leutenants Johann Conrad Sigling, verschiebt sich am Ende der Grabinschrift der Fokus. Nachdem er „ohne Leibes Erben“ verstarb, heiratete seine zweite Frau Maria Elisabeth Ackermannin gebohrne Zwickin (man beachte die weibliche Namensendung) ihrerseits zum dritten Mal, nämlich den Handelsman Johann Adam Petzel. Die Todesdaten fehlen, vielleicht teilt sie mit dem dritten Gatten ein anderes Grab in Frankfurt oder anderswo.

PeterskirchhofFrankfurtGrabSigling

Eine klare Ausnahme bilden die Gräber einiger Adelsfamilien, wie man das in größter Vollendung am Grab der Eheleute Steffan von Cronstetten sieht.

PeterskirchhofFrankfurtGrabCronstettenHynsperg

Eine hohe rechteckige Platte aus grauem Stein, am linken Rand die verschiedenen Wappen seines, am rechten die ihrer Familie, oben in der Mitte beider Hauptwappen mit Helm und Federn, darunter in einem als Vorhang gestalteten Rahmen die Inschrift.

PeterskirchhofFrankfurtGrabCronstettenHynspergDetail

Sie ist durch eine Linie ordentlich aufgeteilt in die linke Hälfte des Joh. Adolff Steffan von Cronstetten und die rechte Hälfte der Maria Catharina, die ebenfalls Steffan von Cronstetten, aber ganz entschieden auch gebohrne v. Hynsperg ist. Nur dort, wo ihre Heirat genannt ist, wird die Linie durchbrochen und die eine beiden geltenden Information verbindet die linke und die rechte Hälfte, bevor sie sich für die Todesdaten wieder trennen. Maria Catharina ist mehr als ein Anhängsel, sie ist sich bewußt, einen ihrem Gatten ebenbürtigen oder gar überlegenen Titel zu haben. Gerne will man denken, daß sie selbst darauf bestand, das auch auf dem Grabstein so resolut deutlich zu machen, und daß sie gar dessen brillante Gestaltung, fast mehr Layout als Bildhauerei, inspirierte. Dafür könnte sprechen, daß ihre Tochter, Justina Catharina Steffan von Cronstetten, niemals heiratete und das Familienvermögen als Steffan v. Cronstett- und Hynspergische Adelige Evangelische Stiftung zu Frankfurt am Main stiftete, die sich um alleinstehende Bürgerfrauen kümmern sollte und noch heute existiert.

Doch all das bisher Beschriebene entnimmt man nur den Inschriften, die dankbarerweise restauriert wurden oder erstaunlicherweise halbwegs leserlich die Zeiten überstanden haben. Gerade der rote Sandstein jedoch hielt den Witterungen oft nur schlecht stand. Oft erkennt man bloß noch die Umrisse der Gräber und alle Inschriften, Reliefs, Skulpturen verschwammen zu abstrakten Wellen.

PeterskirchhofFrankfurtAbstrakt

So wie von menschlichen Körpern nur Knochen bleiben, blieben auch von den Grabsteinen oft bloß die Memento Mori der Totenköpfe. Eine ganze kniende Großfamilie und der gekreuzigte Jesus ist kaum noch zu erkennen, der Totenkopf unten schon.

PeterskirchhofFrankfurtFamilie

Daß das Skelett in der Hand eine Sanduhr hält, vermutet man nurmehr, aber was es ist, steht außer Zweifel.

PeterskirchhofFrankfurtSkelett

Der ganze Peterskirchhof ist ein Memento Mori, noch ein wenig mehr als jeder andere Friedhof.

PeterskirchhofFrankfurtMemetoMori

Aber ringsum ist die Stadt, ist das Leben. Man kann dem Friedhof also etwas weniger Müll, Urin und Jugendgottesdienste in häßlichen Kirchen und mehr spielende Kinder wünschen, denn das macht die Betrachtung der menschlichen Sterblichkeit immerhin etwas vergnügter.

PeterskirchhofFrankfurtHochhäuser

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