Symbole im Ruhestand

Wenn man auf der Universitetsbron (Universitätsbrücke) über das Hafenbecken kommt, bilden sie ein Tor, rechts das Kolgahuset, links das Bylgiahuset. Obwohl sie unterschiedlich aussehen und aus verschiedenen  Zeiten stammen, verbindet sie doch etwas. Denn beide standen sie für ein neues Malmö.

BylgiahusetKolgahusetUniversitetsbronMalmö

Das Kolgahuset (Kolgahaus) stammt unverkennbar von 1935, weißer Putz, kupferne Dachränder, keinerlei Schmuck, die Fenster regelmäßig verteilte Quadrate und Rechtecke.

KolgahusetMalmö

Es ist in weiten Teilen bloß sechs Geschosse hoch, gerade so hoch wie die kupferne Turmhaube des historistischen Nebenbaus links. Doch schon hier, im ersten Teil der zum Wasser zeigenden Schmalseite, reichte ihm das nicht, es steigt in Terrassenstufen um zwei weitere Geschosse an. Im nächsten Teil gibt es alle Zurückhaltung auf und wächst auf zehn, nein, elf Geschosse. Dieser Teil ist von drei leicht vorstehenden rechteckigen Erkern strukturiert, die nach dem Eingang im Erdgeschoß und einem Gitterbalkon im zweiten beginnen. Dank ihrer langen Fenster, die ihre linke Ecke umlaufen, unterstützen sie dennoch die horizontale Wirkung des gesamten gebäudes. Das oberste Geschoß steht zurückgesetzt auf einer Dachterrasse und beginnt mit einem nach links weisenden halbrunden Teil. Erst an der Ecke zur Hans Michelsensgatan (Hans-Michelsen-Straße) gibt sich das Kolgahuset wirklich mit sechs Geschossen zufrieden, allerdings mit Dachterrasse. Als wohldurchdachtes Detail ist diese Ecke nur im Erdgeschoß, wo es dem Fußgänger nützt, abgerundet.

KolgahusetSkeppsbronEckeHansMichelsensgatanMalmö

Zusammen mit den Gitterbalkonen, die ab dem dritten Geschoß abgerundet die Ecke umlaufen, wird so zur langen Breitseite des Gebäudes übergeleitet.

KolgahusetÖresundhusetMalmö

Die beiden oberen der Balkone setzen sich an dieser Seite fort und führen mit kleinen Unterbrechungen bis zu ihrem Ende. Etwa in der Hälfte der Breitseite springt der elfgeschossige Teil etwas zurück und endet dann. Stattdessen beginnt abgerundet ein zurückgesetztes siebtes Geschoß. Auf der anderen Schmalseite zur Stormgatan fällt das Gebäude in zwei Terrassenstufen auf fünf Geschosse ab.

KolgahusetStormgatanHansMichelsensgatanMalmö

Noch immer spürt man den Kontrast zwischen all den dunklen historistischen Bauten, die vom Nebenhaus bis am Bahnhof vorbei und weit in die Altstadt das Malmö des 19. Jahrhunderts, die reichgewordene Industrie- und Hafenstadt, bestimmten. Beim Kolgahuset ist alles anders. Kein Backstein mehr, keine Ornamente, stattdessen ein vielgestaltig aus meist eckigen, manchmal runden Formen zusammengesetzter weißer Baukörper. Dazu Höhen, die vorher nur einige Türme hatten, und Räume wie Dachterrassen, die es vorher einfach nicht gab. Das Kolgahuset war für Malmö ein Symbol des Aufbruchs in die Zukunft, Symbol des Neuen. Erbaut wurde es als Sitz der Skånska Cementgjuteriet (Schonischen Zementgießerei), die heute als Skanska ein internationales Unternehmen mit Sitz im fernen Stockholm ist. Es ist damit ein typisches fortschrittliches Gebäude seiner Zeit, verwandt mit dem Hochhaus in der Herrengasse in Wien (1931)

HochhausHerrengasse

oder dem Baťa-Hochhaus in Liberec (1932).

BaťaLiberec

Die Zukunft, um die es ging, sollte unbedingt kapitalistisch, war aber ohne den drohenden Sozialismus, der dem Kapitalismus die alten Formen ausgetrieben hatte, kaum mehr zu denken. Doch der Sozialismus erreichte zwar die Tschechoslowakei, nie aber Österreich und Schweden. So wurde im Jahre 1957 auf der anderen Seite der Hans Michelsensgatan, direkt gegenüber, das Bylgiahuset (Bylgiahaus) gebaut, weiteres Symbol einer kapitalistischen Zukunft, aber kein so großer Kontrast mehr, da es das Kolgahuset ja schon gab.

BylgiahusetMalmö

Der erste Unterschied ist, daß das Bylgiahuset nicht die ganze Fläche seines Grundstücks einnimmt. An der Ecke ist eine kleine Grünanlage, die nach links von einem zweigeschossigen Flügel abgeschlossen wird und mit Bänken, Bäumen und einer schneckenförmigen Skulptur aus weißem Stein hübsch gestaltet ist. Der eigentliche Baukörper ist siebengeschossig und hat eine weiße Kachelverkleidung und Bänder aus quadratischen Fenstern und schmalen vertikalen Kupferstreifen. Er verbreitert sich an beiden Breitseiten in sehr flacher, aber merklicher Dreiecksform. Hinter einer Dachterrasse ist ein weiteres verglastes Geschoß und ein markanter nach oben geschwungener Teil, eine Art weißen Buckel. Doch was man vom Bylgiahuset zuerst sieht, ist der zwölfgeschossige Bauteil in seiner zum Wasser zeigenden Schmalseite. Wie ein Turm aus einem weißen Raster vertikaler Rechtecke, in denen zurückgesetzt Fenster und wenig Kupferverkleidung sind, ragt er auf.

BylgiahusetVorneMalmö

Damit wiederholt das Bylgiahuset die Formen des Kolgahuset, kondensiert sie geradezu. Während beim Kolgahuset aber alles zumindest funktional begründet sein könnte, geht es beim Bylgiahuset offenkundig um den ästhetischen Effekt. Die Anklänge an Schiffskiele, allgemein die Seefahrt, die schon das Kolgahuset hatte, werden hier das Wichtigste. Es bemüht sich um die Symbolik, die seinem Nachbarn durch den schieren Kontrast mit dem Alten sicher gewesen, ja, geschenkt worden war. Aber die beiden Gebäude ergänzen einander gut, sie sind eher wie Brüder als wie Vater und Sohn.

Noch ein dritter Bau steht in der Nähe, das Öresundhuset (Öresundhaus). Es ist ein Bau von 1973 mit Fensterbändern, meist brauner Verkleidung und einem oben halbrund vorragenden verglasten Raum. Doch es tritt hinter den beiden anderen völlig in den Hintergrund und nicht nur, wie es hinter ihnen steht, sondern weil es mit ihrer Symbolik einfach nicht mithalten kann, aber sie auch nicht durch irgendetwas anderes, etwa größere Funktionalität oder einen besseren städtischen Raum, übertrifft. Immerhin zeigt es zur richtigen Seite, zum Hafen, zum Meer, zum Öresund. Daß Kolga- und Bylgiahuset beidseits der Hans Michelsensgatan als Tor wirken, ist noch neu, da die Brücke, die Universitetsbron, neu ist. Sie wären auch ein Tor, das im eigentlichen nirgendwohin führt. Als sie gebaut wurden, waren sie auf andere Art ein Tor: von Öresund, Meer, Hafen in die Stadt. Nicht zufällig wenden sie dorthin ihre Breitseiten. Nicht zufällig zeigt der halbrunde Teil oben auf dem Kolgahuset nach links, nicht zufällig ist der verglaste Teil im Obergeschoß des Bylgiahuset auf der linken Seite bis an den Rand geführt. Dorthin schauen sie, wenn sie auch nicht nur von dort gesehen werden wollen.

BylgiahusetKolgahusetWasserMalmö

Von hier betrachtet zeigt sich, daß die Grünanlage vor dem Bylgiahuset geradezu eine Freundlichkeit gegenüber dem Kolgahuset ist, damit es nicht verdeckt werde. Die Hans Michelsensgatan war vorher für beide Gebäude fast belanglos. Entscheidend war die Straße Skeppsbron, die am Hafenbecken entlang in die Stadt führt, und für das Bylgiahuset auch die parallel verlaufende Stormgatan, die genau auf seinen Eingang zuführt.

BylgiahusetStormgatanMalmö

Einst waren diese beiden verwandten Gebäude nach den industriellen Anlagen das Erste, was man von Malmö sah. Das ist schon länger vorbei und inwieweit die Zukunft, die sie symbolisierten, je kam, darüber ließe sich streiten. Heute sind sie Symbole im Ruhestand.

Aus Meyers Neues Lexikon: Band 9, Lyna – Nazor, Leipzig 1974

Aus Meyers Neues Lexikon: Band 9, Lyna – Nazor, Leipzig 1974

 

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