Kirche ohne Kreuz

Schon am Tor erkennt man den Friedhof.

TrauersaalŽideniceBrnoTor

Ein stählernes Muster aus ineinandergesetzten П-Elementen, verändert bei den eigentlichen Torflügeln. Schon an den Bäumen erkennt man den Friedhof. Ausschließlich Nadelbäume, immergrün, manche schlank und in Reihen, andere ausladend und vereinzelt wie Skulpturen. Auch das Gebäude paßt auf einen Friedhof, wieso nicht, moderne Architektur eben. Und wenn man es für sich genommen nicht passend fände, wird es das spätestens durch die Nähe des Tors und der Bäume und den breiten Weg durch eine Wiese, der darauf zuführt.

TrauersaalŽideniceBrnoGesamt

Ein langes Vordach auf eckigen Stützen, ganz mit dunkel gesprenkeltem Stein verkleidet. Dahinter auf einem Teil der Länge dunkles Glas und noch dahinter, rechts der Mitte und etwas kürzer als der verglaste Teil, ein höherer Bauteil, der zwei Fensterbänder, eins nur etwas über dem Vordach, eins deutlich höher, nach vorne zeigt. Von der Seite sieht man, daß das Dach dieses mit dunklem Holz verkleideten Saals erst geschwungen nach rechts aufsteigt, dann vertikal ist und dann geschwungen nach rechts abfällt.

TrauersaalŽideniceBrnoSeite

Parallel zum Vordach schließt dann noch ein Flachbau in ähnlicher Gestaltung an. Links des verglasten Teils der Vorderseite ist ein Durchgang in einen kleinen Hof, dann quer eine schieferverkleidete Wand und abschließend noch ein verglaster Raum.

Ja, das paßt auf einen Friedhof, so kann eine kleine Kirche aussehen. Aber etwas fehlt dazu: das Kreuz oder überhaupt jeglicher Hinweis auf Religion. Das ist kein Zufall, denn es ist keine Kirche. Es ist der Trauersaal des Friedhofs Židenice in Brno, ein säkulares Gebäude für einen säkularen sozialistischen Staat. Auf die Architektur hat das keinen Einfluß. Der Trauersaal unterscheidet sich nur durch das Fehlen des Kreuzes von einer Kirche. Damit verrät er, was das  Gute an vielen Kirchenbauten seit 1945 ist: man könnte sie leicht zu säkularen Zwecken umnutzen.

Der heimliche architektonisches Höhepunkt des Židenicer Trauersaals ist nicht das Saaldach, sondern seine rechte Ecke. Vor ihr stehen in der Wiese ein Nadelbaum und schon auf dem terrassenartigen Vorbereich drei zerklüfftete Steinstelen.

TrauersaalŽideniceBrnoStelen

Die Ecke selbst ist under dem Vordach ausgespart. Links begrenzt sie ein mit dem dunklen Glas kontrastierendes leuchtendes Wellenmuster aus Glas, rückwärtig eine schieferverkleidete Wand, die aber unten eine deutliche Lücke hat.

TrauersaalŽideniceBrnoGlas

Und alles in dieser Ecke ist von Efeu bedeckt.

TrauersaalŽideniceBrnoEfeu

Es wächst die Stütze des Vordachs hoch, gleicht einem Baum an der Seite der rückwärtigen Wand und nimmt auch den Boden ein, sowohl dort, wo einst auch zuvor ein Beet war, als auch dort, wo einst Steinboden war. Denn der Trauersaal steht, wiewohl erst 1984 eröffnet, seit 2007 leer, ein Schicksal, das ihm, wäre er eine Friedhofskirche in einem westlichen Staat, erspart geblieben wäre. Von der auch dem Leben dienenden Friedhofsarchitektur wurde er zum unfreiwilligen Symbol des Sterbens. An vielen Stellen ist denn auch der Verfall offensichtlich. Schieferplatten und auch Teile des teureren Steins fallen herab, liegen in Scherben auf dem Boden oder haben es, will man hoffen, in die Badezimmer findiger Brnoer geschafft. Doch in der beschriebenen rechten Ecke bietet sich das Bild eines edleren, reineren Niedergangs. Das Efeu bedeckt zwar mehr als es sollte, aber noch läßt es die menschengewollten Formen klar erkennen, ja,  sein dunkles Grün läßt die Linien im Glas eher deutlicher hervortreten. Das Wachsen des Efeus ist noch kein Wuchern. Es ist eine Art von Verfall, die die Romantiker in Rom sehen wollten, ein Verfall, der von allem Dreck und aller Häßlichkeit gereinigt ist und sich daher zur Symbolik eignet. So paßt der Trauersaal auch nach dem Verlust seiner Funktion noch  auf den Friedhof. Von der säkularen Kirche, die er war, wurde er zur säkularen Kirchen- oder gar Tempelruine.

Funktional und einsam bleibt ein kleiner Brunnen direkt links neben dem Trauersaal:

TrauersaalŽideniceBrnoBrunnen

eine kleine Betonwand mit einem Hahn oben in der Schmalseite, die schräg in der Ecke einer quadratischen Betonfläche steht, die zu einem runden Ablauf in der Mitte kaum merklich tiefer wird . Besser als ein Kreuz ist das immer noch.

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