Erkundungen auf Friedhöfen: Sowjetische Variationen in Rodaun

Daß auf dem Friedhof von Rodaun im Süden von Wien sowjetische Soldaten begraben sind, kann man sogar, wenn man direkt an den Gräbern vorbeigeht, übersehen, so unscheinbar sind die Grabsteine auf der Wiese und die Stelen in einer Nadelhecke.

SowjetischerFriedhofRodaunGesamt

Kein roter Stern schwebt über all dem, man muß nah herangehen, um zu erkennen, mit was man es überhaupt zu tun hat. Dann aber ist die schiere Fülle an kyrillischen Inschriften lehrreich.

Alle sind Variationen eines Satzes von Stalin:

„Вечная слава героям, павшим в боях за свободу и независимость нашей Родины!“

(„Ewiger Ruhm den in den Kämpfen für die Freiheit und Unabhängigkeit unserer Heimat gefallenen Helden!“, meist übersetzt als „Ewiger Ruhm den Helden, die in den Kämpfen für die Freiheit und Unabhängigkeit unserer Heimat gefallen sind!“)

Auf der mittleren und größten Stele ist dieser Satz in roter Schrift auch als direktes Zitat zu lesen.

SowjetischerFriedhofRodaunStalin

Auf einem kleinen Stein ganz links in der Hecke findet sich die erste Variation: der dort begrabene unbekannte Soldat fiel für „Ehre und Unabhängigkeit der sowjetischen Heimat“.

SowjetischerFriedhofRodaunLinksAußen

Ist dies einfach eine Präzisierung, so verschiebt sich in den weiteren Inschriften der Fokus. Schon auf der mittleren Stele spricht die größere schwarze Inschrift davon, daß die 35 hier begrabenen Soldaten für „die Befreiung der Völker Europas“ starben. Auf der Stele links der Mitte dann widmet die Inschrift „ewiges Gedenken den für die Befreiung Österreichs gefallenen Helden der Roten Armee“.

SowjetischerFriedhofRodaunLinks

Das wiederholt sich auf der Stele rechts der Mitte, wird aber um eine deutsche Übersetzung ergänzt:

SowjetischerFriedhofRodaunDeutsch

„Zum Gedenken für die Befreiung Österreichs gefallenen – Helden der Roten Armee Atzgersdorf 1945“.

Diese Ortsangabe wie auch der andere Stein mit roter Inschrift, könnten darauf hindeuten, daß diese beiden Stelen ursprünglich im nahen Atzgersdorf standen und erst später mit den anderen in Rodaun zusammengestellt wurden. Auffällig ist, daß auf der linken im russischen Text ein kleiner Fehler ist (lateinisches T statt kyrillischem Г [G]). Das könnte dafür sprechen, daß die Rote Armee einen lokalen Steinmetz für die Arbeiten verpflichtete, wozu jedoch wiederum die holprige deutsche Übersetzung nicht paßt.

Die Inschriften in Rodaun erzählen im Kleinen die Geschichte des Großen Vaterländischen Kriegs: aus den Kämpfen für die Freiheit und Unabhängigkeit der sowjetischen Heimat wurden Kämpfe für die Befreiung der Völker Europas und in diesem speziellen Fall für die Befreiung Österreichs. Die Inschriften rücken gleichsam, ganz wie es die sowjetische Armee selbst tat, näher an Rodaun heran. Und während die meisten der Inschriften nur für gleichsam internen sowjetischen Gebrauch waren, weil sie auf Russisch geschrieben sind, wendet sich die letzte, wenn auch ganz unten auf der Stele, wenn auch in unsicherem Deutsch, an die örtliche Bevölkerung, an die unfreiwillig befreiten Österreicher. Die kleine Denkmalanlage in Rodaun ging damit einen wichtigen Schritt weiter als das zentrale Ehrenmal auf dem Schwarzenbergplatz, das zwar auch von der Befreiung der Völker Europas spricht – aber nur auf Russisch, so daß diese Völker es nicht lesen können.

 

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