Schwechat

Das südlich an Wien grenzende Schwechat ist, außer für den Flughafen und mehr als für die Raffinerie, als Bierstadt bekannt. Da Bier einen bestimmten Ruf hat, könnte man nun an Schwechat als einen Ort rustikaler Gemütlichkeit denken. Nichts wäre falscher. Anders als jeder größere Ort nördlich der Alpen hat Schwechat, das bloß ein kleines Dorf war, keine besonders lange zurückreichende Brautradition, aber das wäre auch völlig irrelevant. Zur Bierstadt wurde es, weil im frühen 19. Jahrhundert ein lokaler Kapitalist namens Anton Dreher begriff, wie viel Geld mit der industriellen Herstellung von Bier zu verdienen ist. Bier, das heißt in Schwechat Industrie. Bierstadt, das heißt Industriestadt.

Von der Industrie und den scharfen Klassengegenständen des Kapitalismus des 19. Jahrhunderts ist Schwechat noch heute geprägt, man könnte auch sagen: gezeichnet. Auf der einen Seite des Flusses Schwechat erstreckten sich die Industrieanlagen der Brauerei, vor allem auf der anderen Seite wuchs das alte Dorf ungeordnet entlang der großen Verkehrsachsen, teils wurden dem neuentstandenen Proletariat geradezu oberschlesisch schlichte Mietskasernen gebaut.

MietskaserneSchwechat

Dazwischen, direkt am dorfseitigen Ufer der Schwechat und mit Blick auf die Brauerei, ließ sich der Kapitalist Anton Dreher II. im Jahre 1907 eine obzön große Villa in neobarocken Formen errichten.

DreherSchwechat

Villa? Nein, es ist tatsächlich ein Schloß. Die Hauptfassade mit Freitreppe zeigt zum Fluß, zur Fabrik, rechts ist ein großer Wintergarten aus Eisen und Glas, links weist ein vorgesetzter Balkon in den großen, teils wohl noch einem Vorgängerbau zu verdankenden Park. In der Wahl des Neostils mag  man etwas spezifisch Österreichisches sehen, aber grundsätzlich drückt sich in dem Schloß und seiner Lage nur der natürliche Wunsch eines jeden Kapitalisten aus, König in seinem eigenen Reich zu sein und das auch zu zeigen. Auch auf dem Friedhof ist das Grab der Familie Dreher mit Abstand das größte, größer noch als die Kapelle, aber mit seinen beinahe orientalisch anmutenden korinthischen Säulen und der Kuppel auch hübscher, ein Mausoleum für Schwechats Herrscher.

FriedhofSchwechat

So lange währte der feudale Glanz des Bierkapitalisten nicht. Es kamen der Weltkrieg, der Wegfall der Märkte im Osten der Donaumonarchie, die Republik, Zusammenschlüsse mit anderen Brauereien, noch ein Weltkrieg, der Sozialstaat. Das Schloß wurde nun zu Verwaltungszwecken genutzt, der Park öffentlich und für einen kurzen geschichtlichen Moment gab es in Schwechat sogar eine Stadtplanung.

Am Ufer gegenüber dem Schloß wurde ein Schwimmbad angelegt und dahinter schob sich siebengeschossige Wohnbebauung wie eine Wand vor die Brauereianlagen. Wenn man am Schwechatufer am noch immer weiträumig abgezäunten Schloß vorbeigeht, sieht man bald zwischen den Bäumen des Parks ein sechzehngeschossiges Punktwohnhochhaus.

HochhausDreherSchwechat

1968 errichet, ist es das Fanal des veränderten, sozialdemokratischen Schwechats.

HochhausSchwechat

Vom Park tritt man hinter einem Bach auf einen Art Platz, um den links in einem Schwung das Wohnhochhaus und ein Kranz vierer Wohngebäude stehen, während es geradeaus an der Theodor-Körner-Halle, einem schlichten, etwas konservativen Bau von 1960, zu einer der Hauptstraßen geht.

HochhausPlatzSchwechat

Und das ist alles. Der großartige städtebauliche Ansatz bleibt isoliert, da die Verbindung zur nahen Kirche fehlt, ja, durch das unsägliche Rathaus aus den Achtzigern zusätzlich versperrt ist.

Später baute Schwechat an allerlei beliebigen Stellen allerlei Einkaufs- und Kulturzentren. Ein „EKZ“, so der etwas zweifelhafte Name, schaffte es etwa, zwar ein Platz sein zu wollen, aber keinerlei Bezug auf eine banale zweite Kirche und das Ufer, zwischen denen es liegt, zu nehmen.

EKZSchwechat

Anfang 2016 wurde auch die Körnerhalle abgerissen.

KörnerhalleSchwechatAbriss

Was Schwechat bleibt, ist Vorstadtchaos unter dem Fluglärm – und natürlich sein Bier.

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Ein Gedanke zu „Schwechat

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