Archiv für den Monat März 2016

Erkundungen auf Friedhöfen: Die Religionen des Sektionschefs

Die religiöse Vielfalt auf Wiener Friedhöfen ist eher begrenzt. Die meisten Gräber sind christlich, das heißt katholisch, und viele jüdisch. Auch protestantische und orthodoxe Gräber findet man. Muslimische Gräber sind selten, was wohl zum einen daran liegt, daß die Angehörigen der betreffenden Minderheiten noch zu jung sind, und zum anderen daran, daß zumindest der sunnitische Islam eine, vorsichtig gesagt, wenig entwickelte Bestattungskultur hat, weil jedes Grab als potentieller Ort der Götzenverehrung gilt. Sodann gibt es auf dem Zentralfriedhof einen nicht ganz kleinen, aber leeren buddhistischen Bereich mit einer Stupa, deren enorme Vulgarität viel über die westliche Variante dieser Religion aussagt.

StupaZentralfriedhof

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Doch in einem erstaunlichen Grab auf dem Friedhof Heiligenstadt kommen alle Religionen zusammen.

Es ist das Grab des k.k. Sektionschefs Wilhelm Pokorny, der von 1859 bis 1927 lebte.

WilhelmPokornyHeiligenstadt

Statt eines einfachen Grabsteins hat es eine runde, sich nach oben leicht verjüngende Stele aus hellem Stein. Auf ihr sind drei horizontale Bildflächen mit Reliefs angeordnet. Den Mittelpunkt bilden vorne auf der mittleren Bildfläche die Porträts der Eheleute Pokorny.

WilhelmPokornyHeiligenstadtArbeiter

Sie zeigen sie im Profil und nach rechts blickend, Wilhelms schnauzbärtiges Gesicht vor dem seiner Frau Valerie. Darunter ist die Inschrift „Da einst vollbracht die letzte Schicht/führt uns die letzte Fahrt zum ewigen Licht“, rechts flankiert von zwei gekreuzten Hämmern und links von den Worten „Glück auf!“. Auf den übrigen Seiten der Bildfläche sind zwischen stilisierten dorischen Pilastern halbnackte weibliche Allegorien von Wahrheit, Recht und Gerechtigkeit gezeigt, welchletztere auf angedeuteten Stufen zu den Porträts hin gehen.

WilhelmPokornyHeiligenstadtRecht

Hier sind also die Toten samt den ihnen zugesprochenen Tugenden dargestellt.

Die untere Bildfläche zeigt hinten eine trauernde Frau und, wie zur Illustration der Inschrift, einen über einer Lore liegenden Toten, nach dem aus einem dunklen Schacht eine Skeletthand greift.

WilhelmPokornyHeiligenstadtLore

Vorne ist eine Gruppe von Arbeitern, Bergleuten, die Blumen und Kränze zu den Porträts hinaufreichen. Hier ist der Beruf des Toten dargestellt, der zuerst in Böhmen in der staatlichen Bergwerkaufsicht tätig war und schließlich als Sektionschef für Bergwesen das höchste entsprechende Amt in ganz Österreich innehatte.

Die obere Bildfläche zeigt in einer Wolkenlandschaft eine ägyptische Gottheit mit Vogelkopf, den indischen Gott Ganesha in Elefantengestalt,

WilhelmPokornyHeiligenstadtGanesha

eine Sphinx, das Gesicht eines griechischen Krieger und eines griechischen Philosophen,

WilhelmPokornyHeiligenstadtSphinx

die römische Wölfin mit Romulus und Remus und einen Davidstern.

WilhelmPokornyHeiligenstadtDavidstern

Der Davidstern schwebt schon direkt neben dem Kreuz mit Jesus, das auf der Erdkugeln stehend den Mittelpunkt der Vorderseite bildet. Hier sind also verschiedene Religionen dargestellt. Weil ein weiterer Stein fehlt, ist ausgerechnet der Gekreuzigte nur halb zu sehen und dem Grabmal fehlt der Höhepunkt, der vermutlich ganz der christlichen Religion gewidmet war.

Das Grabmal des Wilhelm Pokorny ist eines von jenen, die bereits mehr als ein Grabmal sind, die auf einem Friedhof verschwendet sind. Schon seine Form, eine Wiederaufnahme einer römischen Triumphsäule, ist ungewöhnlich. Zwar kann man es, wie ein gewöhnliches Grab, von vorne betrachten und sieht dort auch das Wichtigste, die Namen, die Porträts, die Ehrung der Toten und den christlichen Bezug, aber um es wirklich zu sehen, muß man herumgehen, was heute problemlos möglich ist, aber durchaus nicht selbstverständlich. Und es sind gerade die anderen Seiten der Säule, die interessant sind, der Tote in der Lore, die nackte Gestalt der Wahrheit und vor allem das Sammelsurium der Religionen oben. Wie bei jedem außergewöhnlichen Grabmal, stellt sich unweigerlich die Frage, wem es zu verdanken ist. War es der Verstorbene selbst, der die Idee dazu hatte, oder aber seine Frau oder eventuelle Kinder oder Freunde? Im Werk des Bildhauers Georg Leisek, der es ausführte, findet sich ansonsten nur kitschiger Historismus, schwer vorstellbar, daß er selbst sich ein Werk wie dieses hätte ausdenken können.

Weitere Spuren jedenfalls hinterließ die Familie Pokorny nicht, ja, schon das Grabmal blieb unvollständig: für Valerie Pokorny wurden zwar vorsorglich ein 1873-19 eingemeißelt, das Sterbejahr aber nie ergänzt.

WilhelmValeriePokornyHeiligenstadt

Sie nahm sich den Namen ihres Mannes, pokorný, bescheiden, offenbar zu Herzen. Gut, daß sein Grab so unbescheiden ist. Mehr religiöse Vielfalt findet sich auf Wiener Friedhöfen nirgends.

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Schilder im Gemeindebau

In den Wiener Gemeindebauten der Nachkriegszeit findet man ganze Generationen von Warn- und Verbotsschildern.

SchilderGemeindebauVerschiedene

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Die meisten sind eher banal und unauffällig. Die aktuelle Generation folgt einem recht hübschen klaren Design, das sich Wiener Wohnen, die frühere Magistratsabteilung 52 oder Verwaltung der städtischen Wohnhäuser, mit anderen Zweigen der Stadtverwaltung teilt.

SchilderGemeindebauAktuell

Auffällig ist, daß die Formulierungen und Gestaltungen der Verbotsschilder im Laufe der Zeit nicht etwa, wie man erwarten könnte, freundlicher wurden, eher im Gegenteil. Das netteste der Verbotsschilder hat seinen Ursprung vielmehr in den angeblich so autoritären Fünfzigern.

SchilderGemeindebauFußballEmaille

Es zeigt in stilisierten Formen einen Jungen in Sportkleidung, der fröhlich lächelnd einen braunen Lederball in die Luft kickt, und dazu die Worte „…aber nicht in der Wohnhausanlage“, wobei das „nicht“ im Ball steht. Positiver und freundlicher kann man das leidige „Ballspielen verboten“ wohl kaum ausdrücken. Die Originalversion ist aus Emaille, wodurch das „nicht“ durch die leichte Erhebung des Balls noch zusätzlich betont wird, doch es gibt auch eine spätere Version auf Kunststoff, die allerdings wohl bereits in ihrer Zeit veraltet wirkte, da Fußbälle nicht mehr so aussahen.

SchilderGemeindebauFußballPlastik

Wie negativ und unschön dagegen ein Schild, das aus den Achtzigern stammen dürfte:

SchilderGemeindebauFahrrad

unter einem krakeligen „Bitte keine Hunde/Bitte nicht radfahren“ sieht man da einen sein Fahrrad schiebenden Jungen mit umgedrehter Baseballmütze und einen Hund, die auf den Befehl eines blonden Jungen traurig weggehen. Die Darstellungen sind comichaft billig, ohne Gefühl oder Raffinesse. Und warum hält der Blonde einen Ball im Arm? Ob er ihn von Ballspielenden konfisziert hat? Man kann jedenfalls davon ausgehen, daß, wenn sich tatsächlich ein kleiner Spießer fände, der Gleichaltrige mit den Worten des Schilds zurechtweisen wollte, bald eher er der Traurige wäre.

Das beste Warnschild denn kommt ganz mit Schrift aus.

SchilderGemeindebauEis

Es scheint auch nicht mehr als eine schnörkellose Warnung zu sein, wenn man liest: „Warnung! Das Betreten dieses Weges bei Schneelage und Glatteis erfolgt auf eigene Gefahr!“ Doch da ist mehr. Die Worte „auf eigene Gefahr!“ in der letzten Zeile nämlich sind kursiv gesetzt und unterstrichen. So werden sie betont, sicher, aber zugleich ist es auch, als kämen die Buchstaben selbst auf einer Eisfläche ins Rutschen. Die Schrift selbst erzeugt ein Bild. So eine Subtilität nur, eine kleine Idee und aus einem simplen Warnschild wird etwas Besonderes. Das ist wahrhaft großes Design.

So entsprechen die Schilder im Gemeindebau der Nachkriegszeit dessen Architektur, die vom Schlechten über viel Mittelmäßiges bis hin zu Nettem und, manchmal, Großartigem reicht.