Villa Tugendhat für Arme

Der sogenannte Brnoer Funktionalismus (Brněnský funkcionalismus) schuf viele, darunter großartige, Einzelgebäude, aber keine zusammenhängenden städtischen Räume. Das ist nicht erstaunlich, da der Kapitalismus zu größeren städtebaulichen Leistungen nicht in der Lage ist, jedenfalls der tschechoslowakische Kapitalismus der ersten Republik nicht, jedenfalls nicht in einer großen und alten Stadt. So neu auch die Formen oder die Innenräume, städtebaulich war der Brnoer Funktionalismus der alten Stadt verhaftet. Am Stadtrand, oft an Hängen, entstanden aufgelockerte Villenviertel mit großen Gärten, in zentraleren Teilen entstand Blockrandbebauung. Schon allein, weil es weder zum einen noch zum anderen gehört, ist folgendes Ensemble an der Vranovská so wichtig.

EnsembleVranovskáBrnoStraße1

Auch hier ist zwar ein kleiner quadratischer Block zwischen den Straßen Vranovská, Zubatého, Jana Svobody und Trávníčková umbaut,

EnsembleVranovskáBrnoHof1

aber nicht lückenlos mit einem Baukörper, sondern von vier fast identischen Gebäuden, die auch auf jede andere Art angeordnet werden könnten.

EnsembleVranovskáBrnoHof2

Das Gebäude an der Vranovská, einer Hauptstraße, ist sieben Geschosse hoch, die übrigen sechs, zwei sind noch weiß, zwei mittlerweile gelb verputzt, sonst unterscheiden sie sich nicht. Jedes der Gebäude hat auf der Straßenseite zwei breite leicht zurückgesetzte Treppenhäuser mit großen Glasflächen, die in jedem Geschoß außer dem obersten von einem Balkon gequert sind.

EnsembleVranovskáBrnoTreppenhäuser

Dazwischen sind paarweise große Fenster und einzeln kleine quadratische Fenster angeordnet. Auf der Hofseite ist der einzige Unterschied, daß das Obergeschoß als Dachterrasse mit Stahlgeländern zurückgesetzt ist.

EnsembleVranovskáBrnoHofseite

Wie bei den Balkonen handelt es sich um Bereiche, die von allen Bewohnern gemeinschaftlich genutzt werden können. Der Hof hat an den Seiten Bäume und in der Mitte eine Wiese. Durch seine Größe, sein Grün und vor allem seine Offenheit, die ihn halböffentlich macht, unterscheidet er sich deutlich von den Hinterhöfen der Blockrandbebauung.

EnsembleVranovskáBrnoStraße2

Das Bedeutende an diesem Ensemble ist, daß es fortschrittliche Elemente des Brnoer Funktionalismus, schnörkellose Form, der Funktion entsprechende Anordnung der Öffnungen, Dachterrassen, aufgreift und daraus einen standardisierten Wohngebäudetyp schafft. Anders als etwa Reihenhäuser, die man in Brno ebenfalls finden kann, ist der hier vorgeschlagene Typ durch seine Größe dezidiert städtisch, während seine städtebauliche Anordnung und mehr noch andere mögliche Anordnungen eine andere Art von Stadt verlangen. Hier ist letztlich die gesamte fortschrittliche Architektur und Stadtplanung der Nachkriegszeit angelegt. Nur naheliegend, daß es sich um einen staatlich geförderten Bau mit Kleinwohnungen aus dem Jahr 1931 handelt.

Während das Ensemble architektonisch in einer ganz anderen Welt ist als seine Umgebung, gehört es sozial heute völlig zu ihr.

EnsembleVranovskáBrnoUmgebung

Etwa an der Grenze zwischen den Mietskasernen des Romaviertels abseits der Cejl und der vorstädtischeren Bebauung des gemischteren Husovice gelegen, bietet es ein Bild der Armut, ja, des Elends, das in Tschechien selten ist. Nur das Grün und die Offenheit mildern diesen Eindruck. Man mag hoffen, daß es sich in den fortschrittlichen Gebäuden auch heute noch, da sie so fern von dem ihnen angemessenen Zustand und der ihnen angemessenen Gesellschaft sind, besser lebt als in den Mietskasernen.

Daß sie eine Villa Tugendhat für Arme seien, ist denn eben keine Kritik, sondern ein Lob, denn guten Wohnraum für alle Menschen zu schaffen, ist das nobelste Ziel der Architektur. Besser als die meisten Architekturtheoretiker drückte das eine schwarze Proletarierin aus Chicago aus, als sie ihre Wohnung in der aus den falschen Gründen berühmten Wohnsiedlung Pruitt-Igoe ein „poor man’s penthouse“ (Penthouse des armen Manns) nannte. Nicht nur ob seiner architektonischen Qualität, sondern gerade auch, weil es eine Begegnung mit den Roma Brnos, dem Subproletariat der ethnisierten tschechischen Klassengesellschaft, bedeutet, ist ein Besuch dieses Ensembles lehrreicher als einer der Villa Tugendhat.

 

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