Die Toleranzpatente in der Hansson-Siedlung

Am Rande eines der Teile der Per-Albin-Hansson-Siedlung im südlichen Favoriten, direkt neben der Autobahn, stehen nebeneinander zwei Kirchen: eine evangelische und eine katholische. Sie stehen beide am Holeyplatz, der eher ein Parkplatz ist.

ThomaskircheFranzVonSalesHanssonSiedlung

Die evangelische Thomaskirche ist ein kleiner Backsteinbau, kaum mehr als ein Geschoß hoch, geöffnet zur Straßenecke, wo eine Betonbank und ein einziger Baum stehen, und dorthin auch sein auffälligstes Element, ein über den Eingang ragendes Dach aus milchigem Glas, zeigend.

ThomaskircheHanssonSiedlung

Nichts an dieser Kirche läßt an einen Sakralbau denken.

Die katholische Kirche Zum hl. Franz von Sales ist eine große Halle, deren Dach in einer leichten Schräge ansteigt und mit einer großen Fensterfläche endet.

FranzVonSalesHanssonSiedlungGesamt

An der rechten Breitseite sind außerdem zwei größere vertikale Fensterflächen. Daß man hier trotzdem sofort den Sakralbau erkennt, liegt weniger an dem großen Christus-Relief an der fensterlosen Vorderseite als am leicht abgesetzt rechts stehenden Turm, der auf quadratischem Grundriß hoch aufragt und sich oben in vertikalen Streben öffnet. Während die evangelische Kirche mit einem einzigen Baum auskommen muß, hat die katholische links einen eigenen Garten, einen Kreuzgang gleichsam, der zum Platz hin verglast ist und von den anderen Seiten durch flache Anbauten umschlossen ist. Die Rückseite zur Autobahnhin ist überraschenderweise aus Backstein.

FranzVonSalesHanssonSiedlungRückseite

Das ist zum einen eine Gemeinsamkeit mit dem evangelischen Nachbarn, erinnert aber auch an die Kirche Maria Treu im 8. Bezirk, die nach vorne, zur Piaristengasse, eine prachtvolle weiße Barockfassade hat,

MariaTreuPiaristengasse

sich nach hinten, zur Lederergasse, jedoch als ein viel nüchternerer Backsteinbau zeigt.

MariaTreuLederergasse

Das Nebeneinander und die Unterschiedlichkeit der beiden Kirchen ist nicht überraschend, so ist das eben einem Land, in dem der Katholizismus dominiert und der Protestantismus eine nur marginale Stellung hat. Doch zugleich weisen die beiden Kirchenbauten aus den Jahren 1977 respektive 1963, als sie errichtet wurden, weiter in die österreichische Geschichte zurück, in die Jahre 1781 und 1782 nämlich. Damals erließ Kaiser Joseph II. die sogenannten Toleranzpatente, mit denen erst den Protestanten, dann auch den Juden eine freiere Religionsausübung gestattet wurde. Dazu gehörte auch die Möglichkeit, Kirchen beziehungsweise Synagogen zu errichten. Diese Toleranzbethäuser durften allerdings von außen keinerlei Schmuck oder irgendeinen Hinweis auf ihre sakrale Funktion haben, vor allem also keinen Turm, sondern mußten sich hinter gewöhnlichen Wohnhausfassaden verstecken. Beim jüdischen Stadttempel in der Seitenstettengasse, der, die Toleranz arbeitete langsam, erst 1826 eröffnet werden konnte, kann man diese Bauprinzip noch heute sehen, da man eben nichts sieht.

Die beiden nach 1781 entstandenen protestantischen Kirchen in Österreich, die Evangelische Kirche A.B. (Augsburgischen Bekenntnisses), also die Lutheraner, und die Evangelische Kirche H.B. (Helvetischen Bekenntnisses), also die Reformierten, bauten sich ihre Toleranzbethäuser nebeneinander in der Dorotheergasse.

EvangelischeKirchenDorotheergasse

Diese Gebäude sind inzwischen im Einklang mit der weiteren Emanzipation der Protestanten völlig verändert. Der Bau der Evangelischen Kirche A.B. sieht mit seinem merkwürdigen Neoklassizismus zwar vielleicht noch immer nicht wie eine Kirche aus, aber wie ein typisches Wohngebäude auch nicht.

EvangelischeKircheAB

Die Evangelische Kirche H.B. nun verfiel im späten 19. Jahrhundert darauf, ihr Gebäude neobarock umzubauen, wodurch seine Fassade und sein Turm nun die Blickachse vom Neuen Markt entlang der Plankengasse dominieren.

EvangelischeKircheHBPlankengasse

Wie hier ausgerechnet die in Österreich ziemlich bedeutungslosen Reformierten mit dem Barock, dem denkbar katholischsten Stil, der ihnen 1781 entschieden verwehrt geblieben war, auftrumpfen, ist geradezu amüsant.

In der Hansson-Siedlung, fern des Zentrums, wo die evangelische Kirche, A.B. selbstverständlich, unscheinbar, beinahe unsakral, und turmlos neben der großen katholischen Kirche mit dem hohen Turm steht, wurde zufällig ein Zustand ganz im Sinne der Toleranzpatente geschaffen.

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