Das menschliche Maß in Schwechat

Schwechat, eine Stadtgemeinde am südlichen Rande von Wien, besitzt überraschenderweise eine der interessantesten Kirchen der ganzen Region. Sie paßt zu Schwechat, auch wenn ihre Bedeutung in etwas anderem, nicht Ortsgebundenem liegt. Daß ihr Bau 1765 von einem frühen Kapitalisten gestiftet wurde, paßt zur Industrie, von der es so stark geprägt ist. Daß man direkt über ihrem Turm regelmäßig Flugzeuge im Landeanflug sieht, paßt zum Wiener Flughafen, für den es heute vor allem bekannt ist.

KircheSchwechatFlugzeug

Und daß in ihrem Hof Autos parken, paßt zur verheerenden bis inexistenten Stadtplanung in Schwechat. Ein Beispiel für letzere ist auch der sogenannte Hauptplatz, der kaum einer ist und von einer starkbefahrenen Straße durchkreuzt wird.

Blickt man von der gegenüberliegenden Seite des nennen wir es eben Platzes auf den Komplex der Kirche, sieht man links und rechts zweigeschossige Quertrakte, die an die übrige, heute neuere, Bebauung anschließen.

KircheSchwechatGesamt

Der linke ist etwas länger als der rechte und beide haben dort, wo sie enden, Volutengiebel vor ihren Walmdächern, in denen in Nischen weibliche Figuren, die heilige Katharina und die heilige Barbara, stehen. Zwischen diesen Gebäuden öffnet sich der Hof, der auf die eigentliche Kirche zuführt. Noch bevor er sie erreicht, stehen auf beiden Seiten weitere Quertrakte, die ihm Volutengiebel ähnlich den straßenseitigen zuwenden. Diese lenken den Blick schon nach oben, wo der quadratische Turm  auf der Höhe des Langhausdaches einen dreieckigen Giebel hat, der von dorischen Pilastern getragen scheint. Das Langhaus ist etwas weiter zurückgesetzt und hat auf halber Höhe Nischen mit dem heiligen Florian und vielleicht dem heiligen Donatus. Von seinem Dach schwingen sich zwei Hälften eines Giebels zum Turm auf und auf ihren Voluten sitzen zwei Figuren mit offenen Büchern, König David und Moses.

KircheSchwechatDavidMoses

Der Turm wächst weiter, ein ovales, dann ein hohes rundbögiges Fenster und ionische Pilaster gliedern ihn, bevor er mit Dreiecksgiebeln um die Uhren zur gleichsam losgelöst vom übrigen Baukörper schwebenden kissenartigen Haube weist.

KircheSchwechatTurm

So entsteht eine sehr vertikale, ganz vom Turm bestimmte Fassade. Doch diese Vertikalität wird sofort ausgeglichen durch den um sie geschaffenen Raum. Vom Platz trennt den Hof ein ornamentaler Zaun und ein Tor, auf deren Pfosten zwei Engelsfiguren stehen. Kaum tritt man in den Hof, braucht man gar nicht mehr nach oben zu schauen, denn zu beiden Seite sind in Augenhöhe des Betrachters Heiligenfiguren aufgereiht.

KircheSchwechatHof

Es sind die Apostel. Sie stehen etwa lebensgroß und ordentlich beschriftet in Nischen in den Wänden der Quertrakte und den verbindenden Mauern, die vor Verbindungstrakten weitere kleine Höfe schaffen.

KircheSchwechatHeiligeRechts

Über dieses üppige Defilee der Heiligen blickt Gott, der über der Tür der Kirche als Auge im Dreieck zwischen Engeln und Strahlen dargestellt ist.

KircheSchwechatAuge

Als letztes stehen links Petrus mit geschlossenem Buch

KircheSchwechatPetrus

und rechts Paulus mit offenem Buch

KircheSchwechatPaulus

und wenn man es nicht besser wüßte, könnte man meinen, es seien die beiden Figuren von den wolkengleich fernen Giebeln oben, die freundlich zu den Menschen heruntergetreten sind. Aber in gewisser Weise ist der Weg vom alten zum neuen Testament ja genau das. Außerhalb der Reihe, in der Ecke rechts des Kirchturms, steht noch Johannes von Nepomuk, aber es wirkt, als haben die Schöpfer der Kirche diesen neumodischen heiligen Emporkömmling nur widerwillig aufgenommen.

KircheSchwechatJohannesVonNepomuk

Ein so konventioneller Heiliger würde auch kaum zur Kirche von Schwechat passen, die ein spätbarockes Meisterwerk ist und ganz und gar vom menschlichen Maß geprägt. Gebäude und Figurenschmuck, die eine Einheit bilden, sind immer so gestaltet, daß sich der Mensch zu ihnen in eine angenehme Beziehung setzen kann. Während er sich, egal von wo, nähert, sieht er die erhöht in den Nischen angeordneten Figuren, ohne den Blick heben zu müssen, und erfaßt die Gebäude als von Vertikalen und Horizontalen gebildetes ausgewogenes Ganzes.

KircheSchwechatUmgebung

Wenn er dann nah ist, kann er sich den ebenerdig stehenden Heiligen widmen und muß den Blick wiederum nicht heben.

KircheSchwechatHeiligeLinks

Einzig die Figuren in den Giebeln der zweiten Quertrakte sind von nirgends gut zu sehen. Unnötig auch zu erwähnen, daß das Innere der Kirche, wie das aller Barockkirchen, sehr auf die Überwältigung des Betrachters ausgerichtet ist.

Aber draußen sind die Heiligen schon fast Menschen.

KircheSchwechatPhilippus

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