Segregation durch Städtebau

Hohe Warte und Karl-Marx-Hof, das sind die beiden Pole von Döbling, dem 19. Bezirk Wiens. Sie ist ein Villenviertel (nicht das größte des Bezirks, das wäre das Cottage an der Grenze zum 18.), er ist ein Gemeindebau des sozialdemokratischen, sogenannten Roten Wien der ersten Republik (nicht der größte, aber der berühmteste).

Sie sind gar nicht weit voneinander entfernt, die Straße Hohe Warte, die durch das Villenviertel führt, und die Heiligenstädter Straße, die am Karl-Marx-Hof entlangführt, verlaufen fast parallel. Doch die Hohe Warte ist, wie ihr Name schon sagt, eben hoch oben, auf einem schönen Hügel mit Blicken über die Stadt und über die Weinberge zu Kahlenberg und Leopoldsberg. Hier wohnten die Großbürger und Kapitalisten, unter anderem war hier der prachtvolle Park des Barons Nathaniel von Rothschild (heute Teil des Heiligenstädter Parks). Man kann kaum noch ermessen, was für eine Provokation es war, ihnen mit dem Karl-Marx-Hof eine riesige Festung des Proletariats zwar nur vor die Füße, aber doch in nächste Nähe zu setzen. In seiner Öffnung zur Hohen Warte hin sahen sie, wohl zurecht, nicht eine Umarmung, sondern die Geste der zurückgeworfenen Arme und vorgeschobenen Brust im Vorfeld einer Schlägerei. Daß die Geschütze, mit denen der Karl-Marx-Hof im Bürgerkrieg im Februar 1934 beschossen wurde, auf der Hohen Warte standen, war daher nicht nur militärisch, sondern auch symbolisch sehr logisch.

Aus Stimmer, Kurt: Döbling - ein Bezirk zwischen Cottage und Karl-Marx-Hof - Geschichte der Sozialdemokratie in Döbling, Wien 1992

Aus Stimmer, Kurt: Döbling – ein Bezirk zwischen Cottage und Karl-Marx-Hof – Geschichte der Sozialdemokratie in Döbling, Wien 1992

Heute ist das Schußfeld von damals weitgehend zugebaut, weitgehend mit Gebäuden, die weder der Hohen Warte noch dem Karl-Marx-Hof gerecht werden. Seine provokante Öffnung hinauf zum Hang und zu den Villen oben wurde so sinnlos gemacht. Wo früher Spannung und Konfrontation waren, ist nun Ruhe, Friedhofsruhe allerdings. Hohe Warte und Karl-Marx-Hof wissen voneinander nichts mehr. Die Klassenverhältnisse sind stabilisiert. Oben wohnen noch immer die Reichen, unten noch immer das, migrantische wie einheimische, Proletariat und Subproletariat.

Die Ungerechtigkeit ist heute jedoch eher noch größer als in den Dreißigern. Was sie an Offensichtlichkeit eingebüßt hat, hat sie an Perfidie gewonnen. Denn anders als früher sind auf der Hohen Warte heute öffentliche, der ganzen Stadt nützliche Orte: Heiligenstädter Park und Döblinger Bad. Doch während sie sich den Villenstraßen oben allseits öffnen, verschließen sie sich den Gegenden unten so gut wie möglich.

Vom Karl-Marx-Hof kommend kann man nach der steilen Treppe des Aussichtswegs nämlich nicht etwa nach rechts abbiegen (rot) und durch ein Gelände der Stadtreinigung in den Park gelangen, sondern muß nach links und im weiten Bogen um das Schwimmbadgelände gehen (schwarz). Nichts spricht gegen den kürzeren Weg, nichts spräche grundsätzlich sogar gegen einen noch kürzeren Weg durch das Schwimmbadgelände, es ist allein eine Frage des städtebaulichen Willens.

Hier jedoch dient der Städtebau einzig dazu, den Kontakt zwischen Unten und Oben, zwischen Arm und Reich, zwischen Karl-Marx-Hof und Hoher Warte zu erschweren. Erschweren bloß, nicht unmöglich machen, denn selbstverständlich kann jeder hingehen, wohin er will. So treten an den heißesten Tagen durchaus auch die von unten den beleidigenden Umweg ins Schwimmbad an. Im Heiligenstädter Park aber sind auch bei schönem Wetter nie viele Leute. Im Ergebnis bleiben alle dort, wo sie hingehören. Was früher mit Kanonen geschah, geschieht jetzt mit Stadtplanung.

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