Jedeshochhaus

Dieses Bürohochhaus ist ein solch archetypischer Ausdruck der Architektur der sechziger Jahre, daß es wirklich überall stehen könnte, in einer kleinen Stadt oder einer großen, in einem sozialistischen Staat oder einem kapitalistischen, in einem reichen Land oder einem armen.

FestoHochhausGesamt

Neun Geschosse hoch, quadratischer Grundriß, umlaufende Waschbeton- und Fensterbänder. In der Mitte einer der Seiten ein fast monolitisch aus Beton geformtes Treppenhaus, das halboval vorragt und in einem schmalen vertikalen Fenster zwischen zwei weiter vorragenden Wandstreifen endet.

FestoHochhausSeite

Seine geschwungene, expressive Form ist die kleine Extravaganz, die die geschäftsmäßige Nüchternheit des übrigen Baus bricht. Das oberste Geschoß  dann weit zurückgesetzt hinter einer Dachterrasse, über die sich ein Balkenwerk aus Beton spannt. Ganz oben, auf dem höhergeführten Erschließungskern, zu allen Seiten das Logo.

Dieses bestimmte Exemplar dieses universellen Hochhauses steht im 14. Bezirk von Wien und man sieht ihm gleichsam an, wie ein alter Kapitalist, der die Firma vielleicht schon in zweiter, dritter Generation leitete, sich mit ihm sein Lebenswerk krönte. Man sieht ihn an seinem Schreibtisch im obersten Geschoß sitzen und zufrieden in die blaue Ferne schauen oder auf die Dachterrasse treten und noch zufriedener auf seine Firma hinabschauen.

Doch genau hier beginnt das Problem dieses Hochhauses und der Grund, wieso man sich die Zufriedenheit des alten Kapitalisten heute nur mit einem beinahe mitleidigen Schmunzeln vorstellen kann. Denn das Hochhaus steht etwa in der Mitte des Firmenareals, das fast den gesamten Block zwischen Hütteldorfer Straße, Lützowgasse, Felbigergasse und Marcusgasse einnimmt. Schon direkt an seine unteren beiden Geschosse schließt eine milchig verglaste Fertigungshalle an und allerlei Hallen und Schuppen bilden auch den Rand des Areals.

FestoHochhausHalle

Da ringsum dichtbebaute Gegenden der Stadt sind, ist das Hochhaus von fast nirgendwo wirklich gut zu sehen. Von der Felbigergasse sieht man es nicht, von der Marcusgasse bestenfalls drei Geschosse

FestoHochhausMarcusgasse

und von der großen Hütteldorfer Straße, auf die es ankäme, bestenfalls vier.

FestoHochhausHütteldorferStraße

In der Lützowgasse dann wird man überrascht, wenn man es durchs Tor plötzlich in seiner ganzen Höhe sieht.

FestoHochhausLützowgasse

Um in der Stadt sichtbar zu sein, müßte das Hochhaus mindestens doppelt so hoch sein. Die gewollte repräsentative Wirkung bleibt aus, die Krönung des Lebenswerks des alten Kapitalisten ist nur eine Mediokrität. Und wenn er seine Firma mit diesem Hochhaus, Sinnbild des Modernen, für die Zukunft vorbereitet sah, so täuschte er sich auch darin: es gibt sie nicht mehr, in den Hallen und im Hochhaus haben sich die verschiedensten Firmen abgesiedelt. Das oberste Geschoß „mit traumhafter Aussicht“ (Werbeplakat) ist noch zu mieten – ich würde es tun, hätte ich denn die Mittel.

Wahr ist die Geschichte vom alten Kapitalisten übrigens eher nicht. Das Gelände gehörte ursprünglich dem Carowerk Wien, während im Hochhaus zuletzt eine Zweigstelle der deutschen Firma Festo saß, die es vielleicht auch errichtete und jetzt in der Nähe ein zeitgemäßeres Gebäude hat.

Aber das Hochhaus erzählt noch von etwas Wichtigerem und Wahrerem: von der Bedeutung der Stadtplanung. Ohne Stadtplanung, die sie unterstützt, ist Architektur herzlich wenig. Denn wenn dieses Hochhaus auch überall stehen könnte, es wäre nicht überall das gleiche. Nur etwas entfernt, höher am Hang gelegen, wäre es ein weithin sichtbarer Orientierungspunkt in der Stadt. Als Teil einer fortschrittlichen Planung, etwa in einer offenen parkartigen Landschaft, könnte es sogar der Mittelpunkt einer kleinen Stadt oder eines Wohngebiets sein. Alles ist immer eine Frage des Kontexts. Ein Gebäude allein zu betrachten, ist niemals genug.

Advertisements