Havlíčkův Brod

Man kann Havlíčkův Brod als Städtchen wie aus dem Tourismusprospekt erleben. Dann ist es ein etwa quadratischer Platz am leicht ansteigenden Hang, dem zweigeschossige Häuschen ihre Renaissance- und Barockgiebel zuwenden.

In der südwestlichen Ecke stehen die Rathäuser.

Havlíčkův BrodRathäuserBrunnen

Das alte hat ein drittes Geschoß mit Renaissancezinnen auf dem Dach, aus dem in der Mitte auch ein kompliziert gebrochener Giebel und ein kleiner Turm ragen. In der mittleren Nische des Giebels steht ein Skelett, was natürlich mit einer lokalen Legende zu tun hat, die das Tourismusprospekt dann erzählen kann. Das neue ist ein reich ornamentierter Barockbau, ebenfalls mit mittigem Giebel, und einem zwiebelturmgekrönten Erker in der Ecke.

Jenseits der nordöstlichen Ecke, höher am Hang, steht die Kirche, deren dicker Turm noch viel Gotisches zeigt, während auf dem Langhaus eine sehr barocke Kuppel sitzt. Sie müßte für das Tourismusprospekt noch etwas herausgeputzt werden, aber das sollte nun, nachdem der tschechische Staat der katholischen Kirche im Zuge der Kirchenrestitution enorme Vermögen geschenkt hat, ja machbar sein.

Auf dem Platz, den sein neues Pflaster dem EU-Förderungsstandard angleicht, wozu alles Grün entfernt wurde, stehen ein barocker Brunnen, der einen Neptun mit Muschelschale auf dem Kopf zeigt, und eine barocke Säule, die auf vier Seiten Heilige und hoch oben auf dem korinthischen Kapitell eine verzückt betende Maria zeigt.

Havlíčkův BrodSäule

Wie so oft bei solchen religiösen Kunstwerken spürt man, daß der Künstler sich lieber mit anderen Dingen beschäftige. Daher wirkt hier der goldgeflügelte Drache zu den Füßen der Maria weit interessanter als diese selbst.

Havlíčkův BrodSäuleDrache

Brunnen und Säule sind der niedrige und der hohe, der weltliche und der religiöse Pol des Platzes und sie liegen genau in einer Linie zwischen den Rathäusern und der Kirche.

Das wäre das Havlíčkův Brod aus dem Tourismusprospekt, so hübsch und alt wie fast jede tschechische Stadt. Auch eine etwas vom Platz entfernte Kirche, ein barockes Kleinod, paßte noch gut in dieses Prospekt. Doch es gibt dort glücklicherweise noch mehr.

Schon der heutige Stadtname, übersetzt Havlíčeks Furt oder idiomatischer Havlíčekfurt, ist politisch geprägt; bis 1945 hieß die Stadt Německý Brod, wörtlich Deutsche Furt oder eben Deutschfurt. Nach den Erfahrungen mit dem Verrat der Deutschen an der Tschechoslowakischen Republik und ihrer folgenden Terrorherrschaft im Protektorat wurde beschlossen, die Stadt stattdessen nach ihrem berühmtesten Sohn Karel Havlíček Borovský, einem wichtigen Journalisten und Schriftsteller des tschechischen národní obrození (nationale Wiedergeburt), zu benennen. So gibt es jetzt in Havlíčkův Brod den beschriebenen Havlíčkovo náměstí (Havlíčekplatz), an dem ein Havlíčkův Dům, Havlíčeks Geburtshaus, steht. Es ist zu betonen, daß diese Umbenennung ein rein linguistischer Akt war, da Německý Brod seit jeher eine tschechische Stadt ohne nennenswerte deutsche Bevölkerung gewesen war, was auch am unsinnigen früheren deutschen Namen Deutschbrod zu erkennen ist. Die wirklichen Aufgaben bei der Lösung des deutschen Problems der Tschechoslowakei, also die Aussiedlung der meisten Deutschen, mußten anderswo bewältigt werden.

Auch städtebaulich ist Havlíčkův Brod mehr als der Platz aus dem Tourismusprospekt. Schon wenn man aus Richtung Prag zum Bahnhof fährt, sieht man oberhalb der Altstadt ein neues Wohngebiet, ebenfalls ein typischer Anblick in jeder tschechoslowakischen Stadt ab einer gewissen Größe. Aber das Neue ist hier sogar noch viel näher am Alten. Direkt westlich vom Platz ist ein zweiter, völlig anderer Platz, den man durch Straßen an den Ecken oder einen Durchgang in der Mitte erreicht.

Havlíčkův BrodPunkthäuser

Es ist ein neuartiger städtischer Bereich, der etwas zwischen Platz, Boulevard und Park ist. Seine eine Seite bildet unter anderem ein riesiges k.u.k Postgebäude, während auf der anderen drei siebengeschossige punktartige Wohnhäuser hinter einer teils flachen, teils zweigeschossigen Ladenzeile aufragen.

Havlíčkův BrodLadengebäude

Im leicht ansteigenden Bereich davor ist erst ein breiter Fußgängerbereich und dann eine parkartige Fläche mit Wiesen, Hochbeeten und Bäumen.

Havlíčkův BrodBürogebäude

Nach einer Querstraße wird der Bereich abgeschlossen von einem ganz in Blau verkleideten Bürobau, der mit einem zweigeschossigen Sockel auf die Ladenzeilen Bezug nimmt, dann aber deutlich zurückgesetzt und leicht über die Querstraße ragend weitere fünf Geschosse in die Höhe wächst.

Nach Süden erstreckt sich die fortschrittliche Bebauung weiter zur Sázava, über die einst die namensgebende Furt führte.

Havlíčkův Brod

Die fünfgeschossigen Gebäude haben teils Flächen mit braunen Kacheln und aus dem Dach ragen flache Dreiecke, die wohl Dachschrägen alter Häuser andeuten sollen. Es handelt sich wohl um Bauten den allerspätesten Achtzigern und die Dachschrägen zeigen den Einfluß der von Westen, aber auch aus der DDR hereindrängenden neohistoristischen Architekturauffassung, von der die Architektur der ČSSR im allgemeinen erstaunlich frei blieb. Und umso schöner sind die Reste der alten Stadtmauer in die Gestaltung der Grünflächen einbezogen.

Havlíčkův BrodStadtmauer1

Was man vom Zug aus gesehen hatte, bleibt hinter diesem neuen Zentrum weit zurück. Einige Straßen mit fünfgeschossigen Gebäuden, siebengeschossige Punkthäuser an der Schnellstraße zwischen Prag und Brno, die zwar von der Autobahn entlastet, aber noch immer stark befahren ist, dort auch das Kaufhaus Alej. Die Wege sind nicht weit, überhaupt ist das Stadtgebiet recht kompakt, aber sie sind alle konventionell an Straßen gebunden.

Es scheint, als haben die Stadtplaner von Havlíčkův Brod ihr ganzes Können für das Zentrum verausgabt und alles übrige als Nebensache betrachtet. So gelang es ihnen immerhin, Ansätze einer nicht nur dem Namen nach neuen Stadt zu schaffen. Wie hier eine alte Stadt auf rücksichtsvolle Weise neuen Bedürfnissen angepaßt wurde, kann sogar als typisch für den tschechoslowakischen Städtebau gelten. Das überraschende Nebeneinander von Neu und Alt, bei dem aber beide ganz für sich bleiben, ja, man das Neue bei flüchtiger Betrachtung sogar übersehen kann, findet sich auch in anderen Städten. Fast wünschte man sich daher, das Bürogebäude oder besser noch die Wohngebäude seien doppelt so hoch, damit sie vom Platz als sozialistische Gegenstücke zur Kirche sichtbar werden und die Bilder des Tourismusprospekts etwas stören.

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2 Gedanken zu „Havlíčkův Brod

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