Mutmaßungen über die Deutschen in Bratislava

Zwei Dinge sind einleitend zu erwähnen, wenn es um die ehemalige deutsche Minderheit in Bratislava gehen soll.

Erstens: Bratislava ist ein sehr neuer Name. Bis zur Gründung der Tschechoslowakei im Jahre 1918 hieß die Stadt auf Slowakisch Prešborok, was offenkunding vom deutschen Namen Preßburg abgeleitet ist und auch sonst unschön. Der neue Name, in dem Brüder und Ruhm anklingen, ist hingegen so angenehm tschechoslowakisch wie nur möglich. Das Kommittee, das ihn sich ausgedacht hat, leistete der tschechoslowakischen Staatlichkeit (und auch der gegenwärtigen slowakischen) einen Dienst von gar nicht abzuschätzender Bedeutung.

Zweitens: Bratislava gehörte vor 1918 zu Ungarn und hieß weder Prešborok noch Preßburg, sondern Pozsony. Das ist weit mehr als ein Detail, denn daß es einmal ein Österreich-Ungarn gab, darf nicht zur Annahme verleiten, dieses sei ein einheitlicher Staat gewesen. Wie Robert Musil schrieb: „Die beiden Teile Ungarn und Österreich paßten zueinander wie eine rot-weiß-grüne Jacke zu einer schwarz-gelben Hose; die Jacke war ein Stück für sich, die Hose aber war der Rest eines nicht mehr bestehenden schwarz-gelben Anzugs, der im Jahre achtzehnhundertsiebenundsechzig zertrennt worden war.“ Rot, Weiß und Grün sind die ungarischen Farben, Schwarz und Gelb die Farben Habsburgs, im Jahre 1867 wurde der Dualismus begründet. Österreich und Ungarn waren innenpolitisch seit diesem Jahr völlig autonom und die Unterschiede, insbesondere, was die Behandlung der nichtdeutschen, beziehungsweise nichtungarischen Bevölkerungsmehrheiten anging, waren groß. Es läßt sich etwas grob und vereinfachend sagen, daß es für einen Nichtdeutschen in Österreich halbwegs erträglich war, für einen Nichtungarn in Ungarn aber weniger. Während die Tschechen in Böhmen und Mähren einige Rechte hatten, das heißt die tschechische Bourgeoisie in Prag und anderen Städten an der Macht beteiligt war, und die Polen in Galizien sogar noch mehr, das heißt die polnische Szlachta (Adel) die Kolonialherrschaft über Ukrainer und Juden ausübte, erkannte Ungarn sogar die schiere Existenz von Slowaken kaum an. Und während sich in Österreich die Situation der sogenannten Minderheiten im Laufe der Zeit eher besserte, wurde in Ungarn 1911 mit den Apponyi-Sprachgesetzen, die Grundschulunterricht ausschließlich auf Ungarisch vorschrieben, die Magyarisierungspolitik noch verstärkt. Auch die Deutschen hatten es in Ungarn nicht viel besser als alle anderen, die weder Ungarn waren noch es werden wollten.

Dies alles muß man wissen, um zu verstehen, was nun über die deutsche Minderheit in Pozsony und Bratislava gemutmaßt werden soll.

Zuerst ein Grabstein auf dem Ondrejský Cintorín (Andreasfriedhof).

AntonVonWinzorBratislavaPozsony

Ein typischer obeliskartiger schwarzer Stein, deutscher Text, ein „General der Kavallerie u. Wirkl. Geh. Rat Anton Freiherr von Winzor“ liegt dort seit 1910 begraben. Er war, unter anderem: „Kommandierender General in Pozsony“. Und das ist das Interessante an diesem Grabstein, der ungarische Name der Stadt. Wie erklärt sich, daß ein Deutscher diesen verwendet? Nichts hätte ihn daran gehindert, Preßburg zu schreiben, das kommt auf dem Friedhof oft vor.

Doch weiter, zwanzig, dreißig Jahre später. Ein typisches Wohngebäude aus den Dreißigern an der Ecke Wilsonova/Radlinského, schlichte Fassaden, die Ecke markiert von halbrund vorstehenden Gitterbalkonen.

WilsonovaRadlinskéhoBratislava

Es schwer zu sagen, ob es aus der Tschechoslowakei oder dem faschistischen slowakischen Tiso-Staat stammt. Für letzteres spricht, daß auf dem Relief über dem Eingang, das drei Feuerwehrleute bei der Rettung einer Frau mit Kind zeigt, das slowakische Wappen ist.

HeimDerFreiwilligenFeuerwehrUndRetterInBratislavaRelief

Die slowakischsprachige Tafel links davon hat die Zeit nicht überdauert, die deutschsprachige rechts immerhin teilweise.

HeimDerFreiwilligenFeuerwehrUndRetterInBratislavaInschrift

„Heim der freiwilligen Feuerwehr und Retter in Bratislava“, liest man in verblassenden Buchstaben und dann ein längeres Zitat von Jan Amos Komenský: „Unser einzige Ziel soll das Wohl der Menschen sein. Wir alle sind wohl Bürger derselben Welt. Alle sind wir desselben Blutes. Was für eine Unvernunft, einen Menschen zu hassen nur darum, dass er anderswo geboren ist, dass er eine andere Sprache spricht, dass er eine andere Me[?] hat. Wir alle sind Menschen, alle unvollkommen, alle bedürfen wir der Hilfe. Besonders wir Europäer, wir sind wie Reisende auf einem gemeinsamen Schiff.“

Schon die Wahl dieses Zitats ist interessant, doch entscheidend ist, daß auch hier wieder im deutschen Text der nichtdeutsche Name der Stadt verwendet ist.

Wie erstaunlich das ist, merkt man daran, daß die Deutschen in Böhmen und Mähren nie auf die Idee gekommen wären, irgendeinen Ort, in den in den letzten tausend Jahren ein Deutscher seinen Fuß gesetzt hat, bei seinem tschechischen Namen zu nennen und ihre in den neofaschistischen „Vertriebenenverbänden“ organisierten Nachkommen noch heute gerne von Phantasiestädten wie Pilsen oder Leitmeritz reden.

Die Deutschen in Bratislava waren, wenn man die dürre Beweislage eines Grabsteins und einer Inschrift an einem Feuerwehrgebäude für ausreichend halten will, vielleicht anders. Vielleicht hatten sie ein realistischeres und weniger vom Nationalismus verzerrtes Bewußtsein ihrer Position und paßten sich deshalb den Staaten, in denen sie lebten, stärker an.

Eine Art Erklärung gibt Karl Kreibich, der wichtigste deutsche Politiker der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei (Kommunistická strana Československa – KSČ), in seinem „Konec sudetského němectví“ (Das Ende des Sudetendeutschtums) von 1945:

„Ve starých Uhrách byli Němci (‚Švábi‘ a ‚Sasi‘) vždy spolehlivými činiteli maďarského režimu; byli maďarskými vlastenci. […]Režim a školské zákony Apponyiho vzaly také Němcům národní školy, to však neotřáslo jejich maďarským vlastenectvím. […] [Zdá se], že německé menšiny byly vždy tím hodnější, čím přísnější byl režim v zemi i na ně, čím méně jim dával.“

„Im alten Ungarn waren die Deutschen (‚Schwaben‘ und ‚Sachsen‘) immer verläßliche Unterstützer des ungarischen Regimes; sie waren ungarische Patrioten. […] Das Apponyi-Regime und seine Schulgesetzte nahmen auch den Deutschen ihre nationalen Schulen, das erschütterte ihren ungarischen Patriotismus jedoch nicht. […] [Es scheint], daß die deutschen Minderheiten immer desto braver waren, je strenger das Regime im Land auch zu ihnen war, je weniger es ihnen gab.“

Kreibich schließt dann, wie es für den Text nötig ist, daß es den slowakischen Deutschen nicht gut tat, in der Tschechoslowakei alle Rechte bekommen zu haben, denn „víme, jak ‚Karpatendeutsche‘ to republice a Slovákům opláceli“ – „wir wissen, wie die ‚Karpatendeutschen‘ das der Republik und den Slowaken heimzahlten“. Doch eine letzte Nachwirkung hat die Anpassungsbereitschaft der dortigen Deutschen noch immer: der Name Bratislava hat sich, auch im deutschen Sprachraum, unangefochten durchgesetzt und niemand würde mehr von einem Preßburg reden.

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