Bzenec

Wo das Zentrum des südmährischen Bzenec sein sollte, ist nichts. Ein langgestreckter Platz namens Náměstí Svobody (Platz der Freiheit) durchschnitten von einer großen Straße, umgeben von sehr renovierten Häusern und so feindselig kahl, daß es ausnahmsweise einen Gewinn darstellte, wenn hier wenigstens ein Parkplatz wäre. Die Mariensäule auf dem Platz ist aus dem Jahre 1915 und das sieht man ihr auch an. Hinter dem Platz sieht man auf einem nicht hohen, aber doch markanten Hügel eine backsteinerne Ruine und, nah hinter einer der Ecke, eine barocke Kirche.

Wenn man sich der Kirche nähert, begegnet man auch dem einen Gebäude, in dem der Sozialismus hier seine Spur hinterließ. Vom Platz aus ist es nicht mehr als die viergeschossige Vertikale eines Treppenhauses, ein klarer Bezug auf den Kirchturm, und ein rechts vorgesetzter flacher Raum mit Terrasse.

BzenecgebäudePlatzseite

Doch zur Querstraße erstreckt sich das Gebäude als zwei Terrassenstufen auf dem dann im ansteigenden Hang verschwindenden Erdgeschoß.

BzenecGebäude

Braun-rote Kachelverkleidung unten und an den Seiten, weiß die Wohngeschosse, zwischen den Wohnungen schräge Wände, so wendet sich das Gebäude der Kirche zu, in seiner Gestalt horizontal gegen deren Vertikale, in der Funktion, dem betreuten Wohnen, menschlich gegen deren Spiritualität.

Als wollte sich der Ort selbst für die Mängel des Platzes entschuldigen, beginnt kurz hinter der Kirche eine breite Parkachse, die sich zwischen beachtenswerteren dörflichen Häusern entlang des Hangs und parallel zum Platz nach Westen erstreckt. Dort stößt sie auf den Horní náměstí (Oberen Platz), der vom Schloß bestimmt sein sollte. Doch so wie man es hinter hohen Bäumen fast übersehen kann, führt auch die Achse an ihm vorbei. Um den Platz gibt es außerdem noch eine Sokolovna und ein typisches Dienstleistungsgebäude, Läden im Erdgeschoß, nach einer Terrasse das leicht abgeschrägte und mit dunklem Holz verkleidete Obergeschoß.

BzenecDienstleistungsgebäude

Das Schloß ist ein großer neogotischer Bau, den eine Adelsfamilie in der Mitte des 19. Jahrhunderts an der Stelle einiger Vorgängerbauten errichten ließ, englisch inspirierte Modearchitektur.

BzenecSchloß

Seit langem schon dient das Schloß einem großen Weingut und das Schönste an seinem Vorplatz ist vielleicht auch die aus dem Nadelgebüsch aufragende vierteilige Laterne. Im älteren Park dahinter langweilen sich Pfauen, deren Farben gleich denen des Schlosses verblasst scheinen.

Höhepunkt des Parks ist eine sehr alte Linde mit in mehrere Teile zerfallenem, nunmehr vielfach aufgestützt eher horizontal weiterwachsendem Stamm.

BzeneckáLípa

Auf einem Stein beschreibt eine deutsche Inschrift mit Bezug auf eine Urkunde von 1604 die enormen Ausmaße des einstigen Stamms,

BzeneckáLípaInschriftDeutsch

während eine tschechische Inschrift die ältere deutsche mehr kommentiert als übersetzt.

Laut einer Aufzeichnung aus dem Jahre 1771 war diese Linde schon im Jahre 1604 an die 500 Jahre alt

Laut einer Aufzeichnung aus dem Jahre 1771 war diese Linde schon im Jahre 1604 an die 500 Jahre alt

Durch ihr Alter, die verschiedenen Inschriften und ihre eigentümliche heutige Gestalt ist diese Bzenecká lípa (Bzenecer Linde) ist ein Baum, der die Bezeichnung Naturdenkmal ausnahmsweise wirklich verdient hat. Sie dürfte, vielleicht selbst von Menschen gepflanzt, auch älter sein als fast alles unmittelbarer Menschengemachte im Ort.

Die übrigen Straßen von Bzenec sind von vermischter dörflicher Bebauung geprägt. Im oberen Teil sind dabei die bunkerartig in die Hänge gesetzten Weinkeller wichtig, die dem Ort eine geradezu mediterrane Anmutung geben können.

BzenecStraße

Am Rande der Weinberge steht als weitere Botin der Architektur der ČSSR eine Schule:

BzenecSchuleEingang

eine Treppe zum Eingang, rechts ein Hochbeet aus rotem Backstein, links ein völlig verglaster Eingangsbau, in der Mitte ein Vordach, das weiter ins Gelände führt, nur П-förmige Stahlträger und Holz.

Im unteren Teil, zu den Schienen hin, neuere Bebauung, Einfamilienhäuser aus der ersten Republik, dazwischen eine hussitische Kirche. Etwa gegenüber vom Bahnhof noch einmal, nun als beziehungsloses Kleinod, ein Gebäude der späten Tschechoslowakei.

BzenecBürobau

Drei Geschosse, das unterste etwas tiefer als die Straßenebene, vertikale Putzstreifen, horizontale rot-braune Kacheln zwischen den Fenstern, rechts an der Ecke Balkone, im linken Teil ein vorgesetztes Treppenhaus mit Plexiglas. Nichts, gar nichts Besonderes, ein beliebiger Bürobau, doch dann diese kleine, beinahe gratuite Raffiniertheit: die Treppe.

BzenecBürobauTreppe

Sie beginnt parallel zum Gebäude, aber weit vor ihm, nur einige Stufen auf eine wie freischwebende Ebene, von der es dann schräg zum Eingang geht, über dem ein schräges Vordach auf die Laune der Treppe eingeht. Man kann das unnötig nennen, ein Gimmick, barock, und es stimmt vielleicht. Aber dadurch, daß es sich dieses Gimmick kostengünstig aus einem konstruktiven Element holt, statt aus einer beliebigen Verzierung der Fassade, ist dieses kleine Gebäude besser als vieles, was heute als gute Architektur gilt.

Und über der Stadt steht die Ruine der Kaple Sv. Floriána (Florianskapelle). Ein barocker Bau, nicht groß.

BzenecKapleSvFloriána

Einige Pilaster, Reste der Kuppel sind noch zu erkennen sonst ist sie wie entblößt auf die sonst versteckten konstruktiven Details, die Backsteinmauern, die Holzbalken über den Fenstern. Es ist keine alte Ruine, erst Ende des zweiten Weltkriegs wurde die Kapelle zerstört. An die vielen rumänischen Soldaten, die bei den Befreiungskämpfen 1945 starben, erinnert ein Ehrenmal unten in der Parkachse.

Den gefallenen Helden der 1. rumänischen Infanteriedivision für die Befreiung der Tschechoslowakei

Den gefallenen Helden der zweiten rumänischen Infanteriedivision für die Befreiung der Tschechoslowakei

Von hier oben wird Bzenec auf seine größten Gebäude reduziert: die Schule, die Kirche, das Schloß. Früher hätte noch die von den Nazis zerstörte Synagoge dazugehört. Manchmal sieht man einen modelleisenbahngroßen Zug durch die Landschaft fahren. Was gut ist, was schlecht ist an Bzenec, von hier wüßte man es nicht einzuschätzen. Entfernung idealisiert.

BzenecAussicht

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