Památník Ostravské operace

An der Straße zwischen Opava und Ostrava, auf einer Anhöhe über dem Dorf Hrabyně, ragen zwei riesige Betonkeile aus der schlesischen Landschaft. Das ist der Památník Ostravské operace (Denkmal der Ostravaer Operation).

PamátníkOstravskéOperaceGesamt

Am Rande des Areals sind Parkplätze und der schlichte Flachbau eines Informationszentrums. Ein breiter geteerter Weg zwischen leicht erhöhten Wiesen führt auf die Keile zu. Links stehen am Anfang zwei hohe Fahnenstangen, dann in regelmäßigen Abständen drei Geschütze. Rechts steht auf einem Betonsockel in der Wiese eine große Sandsteinskulptur, die zwei Soldaten zeigt, der vordere in den Knien mit vorgestrecktem Gewehr, der hintere im Begriff, mit der ausholenden Hand eine Granate zu werfen.

PamátníkOstravskéOperaceSkulptur

Die beiden Keile selbst ragen mit langen Schrägen dem Näherkommenden entgegen, nur vertikale Linien strukturieren den bloßen Beton. Der linke ist etwas kleiner, in der Mitte sind sie verbunden. Auf dem kleinen geraden Stück nach dem Ende der Schräge war im größten von den Linien gebildeten Feld jeweils ein Wappen: links das der Tschechoslowakei und rechts das der Sowjetunion.

So erklärte sich das Denkmal selbst. Die beiden Keile repräsentieren die tschechoslowakische und die sowjetische Armee, die ihm Rahmen der Ostravaer Operation im späten April 1945 auf Ostrava vorstießen, auch die beiden Soldaten gehören den jeweiligen Armeen an und an die zweite Fahnenstange gehört eine sowjetische Fahne.

PamátníkOstravskéOperaceRichtung

Die Richtung der Keile ist die Richtung der Offensive, ja, sie werden zu den Ketten eines riesigen Panzers auf dem Weg zur Befreiung Ostravas. Diese Symbolik ist so dezent, daß sie die abstrakte Schlichtheit der Keile nicht im geringsten stört. Die Skulptur „Bratrství v boji“ (Bruderschaft im Kampf) von Miloš Axman ist weit überlebensgroß, aber sie steht so in der Wiese, daß man immer weit genug entfernt ist, um sie in menschlichem Maß zu erleben.

Und wenn einen die Keile zu überrollen drohen, tritt man in ihrer Mitte auch schon durch ein ornamentales Tor, das teils an durchschossene Panzerplatten erinnert, ins Innere des Denkmals. Dort ist ein weder großer noch kleiner künstlich beleuchteter Raum, dessen Boden und Wände mit sandfarbenem Stein verkleidet sind, wozu an den beiden Seitenwänden zusätzlich vertikal strukturierende dunkelbraune Metallflächen kommen. Die Wand vor einem aber wird gänzlich von einem Relief aus hellem, fast weißem Stein eingenommen, das der Bildhauer Stanislav Hanzík schuf.

PamátníkOstravskéOperaceRelief

Es zeigt drei schlicht und realistisch dargestellte Menschengruppen. Links die Opfer, in Lumpen, halbnackt, leidend, sterbend. In der Mitte die Befreier, Soldaten, ein älterer mit Bart sitzend, das Gewehr in der Hand, ein anderer mit hocherhobenem Gewehr und Blumenstrauß, fast im Sprung, einer eine Fahne schräg nach rechts haltend. Rechts die Befreiten, voller Freude, jubelnd, eine kniende Frau die Fahne küssend. Doch in der Mitte der Befreier und der gesamten Bildfläche ist ein junger Soldat, den Blumenstrauß gesenkt vor den Beinen haltend, der Blick nachdenklich.

PamátníkOstravskéOperaceReliefDetail

Hier mischt sich in den Triumph Trauer über die Kosten des Kriegs. Das ist auch am ehesten das Gefühl des Besuchers, der dem Relief entgegentritt. Er sieht davor, wie es auch der Soldat in der Mitte zu tun scheint, die gläsernen Schalen mit Erde aus jenen Orten, an denen Tschechen und Slowaken litten und Tschechen und Slowaken kämpften. Doch den Hintergrund des Reliefs bilden stilisierte Strahlen, die nur die der aufgehenden Sonne sein können und damit über das Denkmal hinaus in die Zukunft weisen.

Die Gestaltung des Památník ist in jeder Hinsicht durchdacht: draußen noch die großen Formen, das Vorwärtsdrängen, der Kampf, drinnen die intimen Formen, das Ruhige, der Sieg, aber auch die Trauer. Es ist die Formel aller großen Denkmäler für den zweiten Weltkrieg, die einzige den Helden und Opfern angemessene. Zugleich ist das Denkmal aber seinem Standort inmitten der offenen Landschaft angepaßt. In einer Stadt, wußten auch die tschechoslowakischen Architekten und Gestalter und zeigten es in Banská Bystrica, ist eine ruhigere Form angemessener, da das Denkmal sonst geradezu die Stadt selbst anzugreifen schiene.

Seit einer Weile ist das Denkmal als Národní památník války (Nationales Denkmal des Krieges) zentraler tschechischer Gedenkort für den zweiten Weltkrieg. Um den beschriebenen Raum ist eine Ausstellung zur Geschichte des zweiten Weltkriegs und insbesondere der im Ausland kämpfenden Tschechoslowaken. Sie ist nicht schlecht, auch nicht plakativ antikommunistisch oder antisowjetisch, was im politischen Klima des heutigen Tschechiens bemerkenswert ist, aber sie paßt doch wenig zu diesem Ort, der nicht der Informationsvermittlung, sondern dem Gedenken und der Glorifizierung der Toten gewidmet sein sollte.

Das Denkmal wollte gerade kein Museum sein, sondern ein säkularer Wallfahrtsort. Was man im Museum erfährt, sollte man schon wissen, wenn man sich dem Denkmal nähert, denn es will das Geschehene nicht zeigen, sondern überhöhen, ihm einen Sinn geben. In der ursprünglichen Konzeption war daher im Schloß des nahen Städtchen Kravaře das Muzeum Ostravské operace (Museum der Ostravaer Operation), von dem ein Wanderweg vorbei an einer Ausstellung von Kriegsgerät und anderen kleineren Gedenkstätten bis zum Památník führte. Hier verband sich die tschechischoslowakische Liebe zum Wandern mit einer gleichsam barocken Konzeption: der Weg vom Tal entlang eines Kreuzwegs hinauf auf den Berg, wo die Wallfahrtskirche alles krönt und vollendet.

Davon ahnt man jetzt nichts mehr. Erschwerend kommt hinzu, daß weder der symbolische Friedhof mit den Namen der Toten, der vertieft rechts neben dem Denkmal beginnt und sich unter ihm hinzieht, noch die Aussichtsplattform auf dem höheren der Keile zugänglich sind.

PamátníkOstravskéOperaceSeite

So fehlt die konkreteste Begegnung mit den gefallenen tschechoslowakischen und sowjetischen Soldaten und der noch weitere Blick über die Umgebung, durch die man idealerweise zu Fuß gekommen wäre. Schon Preußen baute Aussichtstürme an den Orten seiner Schlachten und schon die dienten auf effektive Weise der Erinnerung, da sie den Kontrast zwischen der ruhigen und friedlichen Landschaft von heute und dem Kriegsschauplatz von einst erleben oder erahnen ließen. Hier wurde das noch dadurch verstärkt, daß man in die Richtung des Vorstoßes der Armeen blickte, nach Ostrava, von dem man wenigstens den Rauch der Stahlwerke sehen konnte, die auch den Soldaten den Weg gewiesen hatten.

Was da an der Straße zwischen Opava und Ostrava in der schlesischen Landschaft steht, ist, wenn man will, noch immer ein Denkmal für eine sowjetisch-tschechoslowakische Offensive gegen Ende des zweiten Weltkriegs, aber es war einst noch mehr.

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