Luka nad Jihlavou

Luka nad Jihlavou ist ein kleines unscheinbares Städtchen wie viele andere auch, gelegen östlich von Jihlava, etwa in der Mitte des heutigen Tschechien und nahe der historischen Grenze zwischen Böhmen und Mähren. Es beginnt weit im Osten mit einigen im Tal der Jihlava zusammengewürfelten Fabriken und Häusern. Dort ist auch der Bahnhof. Es ist, als müsse sich der Ort erst langsam aus den Wiesen, die ihm seinen Namen geben, herausarbeiten (doch „Wiese an der Jihlava“ wäre eine banalisierende Übersetzung; das normale Wort wäre das weibliche louka, luka aber wird als, demnach sächlicher, Plural dekliniert).

LukaNadJihlavouDienstleistungsbäude

Nach einer leicht abfallenden Straßenecke, um die ein zweigeschossiges Dienstleistungsgebäude aus der sozialistischen Zeit mit einem kachelverkleideten oben abgeschrägten Teil und dann mit zwei jeweils etwas zurückgesetzten Teilen führt, finden sich die Häuser zu seinem Platz zusammen, an dem Geschäfte und Kneipen sind und auch ein Brunnen und ein freistehendes Bushaltestellengebäude nicht fehlen, wobei ihn doch, wie in so einem kleinen Ort schwer zu vermeiden, der Verkehr durchschneidet.

LukaNadJihlavouPlatz

Zum Fluß hin, in den hier der Kozlovský potok (Kozlover Bach) mündet, öffnet sich der Platz. Etwas verloren stehen dort das Grab eines sowjetischen Soldaten und ein Denkmal für die tschechoslowakischen Legionen und andere tschechische Tote des ersten Weltkriegs herum.

Am anderen Ufer der Jihlava, schon höher am Hang, steht ein barockes Schloß, dreigeschossig, korinthische Kapitelle, die Seiten leicht vorgesetzt, in der Mitte ein Säulenportal mit Balkon.

LukaNadJihlavouSchloß

Dahinter erstreckt sich ein großer englischer Park. Es ist allerdings unzugänglich, weil das Schloß wieder in Privatbesitz ist, was eine Rückkehr zum traurigen Normalzustand von vor 1948 bedeutet.

Nachdem es schon schien, als fiele der Ort nach dem Platz wieder auseinander, fügt er sich auf dem Hügel zwischen Jihlava und Kozlovský potok dann umso mehr zusammen.

LukaNadJihlavouKirche

Zwei Häuschen mit simplen Giebeln bilden eine Art Tor und rahmen den Blick auf die barocke Kirche höher am Hang. Es ist beinahe, als beginne hier ein ganz anderes Luka.

Mitten in diesem zweiten Teil, fast auf dem höchsten Punkt des Hügels, steht auch das interessanteste Gebäude der Stadt.

LukaNadJihlavouSýpkaWeiblicheSeite

Ein einfacher Bau mit Satteldach eigentlich, dem an beiden Schmalseiten Ziergiebel vorgesetzt sind. Die Pilaster an den Seiten haben annähernd korinthische Kapitelle, die jedoch in einem Vogel mit ausgestreckten Flügeln und vorgestrecktem Kopf enden.

LukaNadJihlavouSýpkaKapitell

Der Giebel besteht aus zwei kleinen Sockeln, die in der Fortsetzung der Pilaster aus dem Dach ragen, volutenartigen Elementen, die sich bis zu zwei weiteren Pilastern aufschwingen, und einem abschließenden Rundbogen. Auf den seitlichen Sockeln und einem in der Mitte des Rundbogens stehen Büsten, männliche auf der einen, weibliche auf der anderen Seite. Die gesamte Fläche des Giebels zieren komplizierte zugleich eckige und florale Muster, in denen mal Buchstaben, mal Tiere zu erkennen sind und die auch die beiden kleeblattförmigen Vierpaßfenster in der Mitte umspielen.

LukaNadJihlavouSýpkaMännlicheSeiteGiebel

Das Erstaunlichste jedoch sind die Fenster: regelmäßig über die Fassade verteilte horizontale Ovale. Heute ist in dem Gebäude eine Turnhalle und man könnte es daher auch gut für eine Sokolovna (Turnhalle des tschechischen Sportvereins Sokol) in einem bizarren Jugendstil oder Art Déco halten. Doch es war ursprünglich ein Getreidespeicher und entstand irgendwann zwischen 1721 und 1737. Die Entstehungszeit könnte man vielleicht an dem Eingang in der Mitte der talseitigen Breitseite erkennen, besonders an der Ausführung der weiblichen und der männlichen Gestalten, die mit Getreide in der Hand auf dem geschwungenen Giebeln lagern, und den Wappen unter dem Giebel.

LukaNadJihlavouSýpkaEingang

Doch auch wie die Pilaster mit eichenblättrigen Kapitellen über Muscheln mit dem Giebel verbunden sind, ohne aber in irgendeiner zwangsläufigen Beziehung zur einfachen rundbögigen Tür zu stehen, ist höchst ungewöhnlich.

Barock im konventionellen Sinne ist nichts an diesem Getreidespeicher. Eher schon handelt es sich um radikalen Barock, der die Methoden der sakralen Architektur auf ein denkbar profanes Gebäude anwendet. Der Erbauer begriff, daß ein Getreidespeicher nichts grundsätzlich anderes ist als eine Kirche, also baute er dem Getreide eine Kirche. Er baute sie oben auf dem Hügel, als Abschluß und Höhepunkt der niedrigeren Stall- und sonstigen Anlagen der herrschaftlichen Wirtschaft. Er suchte dafür eigene Dekorationsformen, wie die Kapitelle und die Giebel, aber vor allem auch eigene funktionale Lösungen, wie die wohl der Belüftung dienenden ovalen Fenster. Was so entstand, ist ein äußerst überraschendes Gebäude, das auch zweihundert Jahre später hätte entstehen können, dann allerdings als nichtige Bizarrheit. Nur richtig, daß ein Ort namens Luka eine solche Weihestätte des Getreides besitzt, die auch im Gesamtbild der Stadt zwar nicht so markant ist wie die Kirche, aber auch nicht viel weniger als das Schloß.

LukaNadJihlavouGesamt

Der Ort zieht sich dann noch weit über die Hügel, nun meist mit Einfamilienhäusern, aus der ersten Republik und folgenden Zeiten. Unten am Kozlovský potok steht ein Mietshaus, zweigeschossig, in einfachen, aber nicht radikalen erstrepublikanischen Formen.

LukaNadJihlavouKino

Nur daran, daß das Erdgeschoß links fensterlos bleibt, an dem kleinen von zwei Stützen getragenen und leicht aufsteigenden Vordach, und eben den Aufschriften erkennt man das örtliche Kino. Noch heute werden doch dreimal in der Woche Filme gezeigt.

So entspricht Luka nad Jihlavou ganz dem alten „and each town looks the same to me, the movies and the factories“, es ist geradezu gerahmt von Kino und Fabriken. In tschechischen Kleinstädten kämen noch Kirche, Schloß, Sokolovna, sozialistisches Dienstleistungsgebäude hinzu. Ob die Grundaussage, daß jede Stadt gleich aussieht, aber stimmt, hängt davon ab, wie genau man schaut. Manchmal sind die winzigen Nuancen im Immergleichen wichtiger als die spektakulären Unterschiede. Und manchmal findet sich darin gar etwas so Eigentümliches, kaum Einzuordnendes wie der Getreidespeicher von Luka. Wer wollte da schon noch nach Hause wollen?

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