Gegen die preußische Schule

Die Johanna-Eck-Schule in Mariendorf, einem Bezirksteil im südlichen Westberlin, ist ein typischer preußischer Schulklotz.

JohannaEckSchuleBerlin

Einen Stil hat er kaum, er ist einfach nur groß und monumental. Von der gegenüberliegenden Seite der Ringstraße noch ist er so mächtig, daß er sich mit einem normalen Objektiv nicht vollständig aufs Bild bekommen läßt, von Nahem wirkt er schon auf einen Erwachsenen so einschüchternd und erdrückend, daß man sich nicht vorstellen mag, wie ein Kind ihn erlebt.

JohannaEckSchuleBerlinEingang

Wollte man alles Hassenswerte an Preußen und damit am deutschen Kaiserreich an einem Gebäude zeigen, es wäre eines wie dieses. Es handelt sich um ein Machwerk des Architekturbüros Reinhardt und Süßenguth, das sich auf diese Art preußischer Architektur spezialisiert hatte und für einige der widerwärtigsten Gebäude in Berlin und anderswo verantwortlich war. Entsprechend bauten die beiden Architekten in der Weimarer Republik nur noch wenig und in der Nazizeit waren sie zu alt.

Das Bundesrealgymnasium in der Krottenbachstraße im 19. Bezirk Wiens ist ein typischer österreichischer Schulklotz.

Bundesrealgymnasium19Wien

Vertikal gegliederte Fassade, die Formen ein neobarocker Jugendstil, über dem hohen Eingang ein Doppeladler. Es ist monumentaler, unmenschlicher Bau, aber so schlimm wie sein preußisches Pendant ist er nicht. Preußen verstand es eben, seine Schulklötze noch ein wenig monumentaler und klotziger zu gestalten als andere deutsche Gegenden, woran dann die Nazis nahtlos anknüpfen konnten.

In den Sechzigern oder Siebzigern bekamen beide Schulen Turnhallen, die rechts neben den Schmalseiten ihrer Eingangstrakte errichtet wurden, in Wien zur Cottagegasse hin,

Bundesrealgymnasium19WienMitTurnhalle

in Berlin zu den Kleingärten am Teltowkanal.

JohannaEckSchuleBerlinMitTurnhalle

Sie sind typische Beispiele der Architektur ihrer Zeit, ganz wie die Schulen solche der ihrigen sind.

 Bundesrealgymnasium19WienTurnhalle JohannaEckSchuleBerlinTurnhalle

Das Dach durch einen glatten Betonstreifen abgesetzt, darunter an den Schmalseiten rauer Beton, an der Rückseite Betonstützen und zur Schule hin ein niedrigerer Bauteil mit den Umkleidekabinen. Trotz kleinen Unterschieden – heller getünchter Dachstreifen und kleinere Betonplatten der Verkleidung in Wien, hinter den Stützen in Berlin Glasbausteine, in Wien vertikale Plexiglaspanele, der Berliner Bau etwas zierlicher und ausgewogener in seinen Proportionen – handelt es sich grundsätzlich um ein und dasselbe Gebäude.

Der Unterschied liegt im Bezug auf den Schulbau und die Bedeutung für diesen. Während die Wiener Turnhalle Abstand zur Schule hält oder mit einem neueren verglasten Teil auf Abstand gehalten wird, schließt sie in Berlin mit einem kleinen Trakt an die Schule an.

JohannaEckSchuleBerlinTurnhalleEingang

Zwischen diesem und dem flachen Umkleidetrakt ist ein vom glatten Betonstreifen überspannter Durchgang, der ein dezenter, leicht zu übersehender Gegenentwurf zum bedrohlichen Säulenportal des Schulbaus ist. Die gesamte Turnhalle, weit mehr als in Wien, ist ein fortschrittlicher Gegenentwurf zur preußischen Architektur. Es ist gar, als wolle sie dem Schulbau noch näher kommen. Da sie es aber nicht kann, schickt sie bunte Metallelemente, die vertikal angeordnet und leicht nach links abgeschrägt sind, an dessen Fassade hinauf, einen Farbverlauf, einen Regenbogen.

JohannaEckSchuleBerlinBunt

Sie ziehen sich, grün im Erdgeschoß, um an das dortige Beet anzuknüpfen, entlang der linken Seite der Fenster hinauf und verbinden diese, blau im zweiten, rot im dritten, gelb im vierten Geschoß, zu horizontalen Bändern. Diese simple Gestaltung, abstrakte Kunst im besten Sinne, gleicht einer Kletterpflanze, als die das Neue am Alten hinaufwächst und seine Wirkung etwas abmildert. Und während die Turnhalle in dichtem Gebüsch verschwindet, sind die Farben der Metallplatten zwar sicher nicht mehr so strahlend wie einst, aber doch unübersehbar, das Auffälligste mithin an der gesamten Schule.

Eigentlich hätte dieser Schulklotz zwar nichts anderes verdient, als abgerissen zu werden, aber was die Architekten und Gestalter der Turnhalle machten, war immerhin das Zweitbeste. In Wien bemühten sie sich darum nicht, sie bauten bloß eine Turnhalle. Aber sie mußten es auch nicht, da sie gegen etwas weit weniger Schlimmes anzukämpfen hatten. Das ist im übrigen auch der Unterschied zwischen Österreich und Preußen.

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