Wittgenstein auf dem Podest

Margarethe Stonborough-Wittgenstein, Tochter eines der reichsten Industriellen Österreichs, ließ sich 1929 vom Architekten Paul Engelmann in Wien eine Villa errichten.

HausWittgensteinAllein

Sie besteht aus mehreren ineinander versetzten eckigen Bauteilen, die zusammen eine recht komplexe Form ergeben. Der höchste Teil hat drei Geschosse, auf den Dächern der niedrigeren Teile sind Terrassen, an einer der Seiten endet ein flacher Teil mit einem abgeschrägten Glasdach. Der Putz ist weiß, Schmuck gibt es keinen. Auch alle bauhausstiligen Elemente fehlen, während die hohen vertikalen Fenster noch deutlich das Erbe von Otto Wagner erkennen lassen. Insgesamt ist es eine Villa, wie sie zur Erbauungszeit in den teuersten Teilen von Vorortbezirken wie Hietzing, Döbling, Währing ungewöhnlich, aber keineswegs einzigartig war.

Doch am Bau beteiligt war auch Margarethes Bruder Ludwig Wittgenstein, heute bekannt als Philosoph, damals aber in einer für zu gebildete Sprößlinge zu reicher Familien typischen Orientierungslosigkeit auch als Volksschullehrer und eben Architekt dilettierend. Seine Berühmtheit ist der einzige Grund, wieso heute noch von diesem mehr nach ihm als seiner Schwester benannten Haus Wittgenstein die Rede ist. Ein Philosoph, der ein Haus baut – das ist für Architekturhistoriker natürlich der ideale Anlaß, irgendeinen Unsinn zu schreiben. Dabei weiß man alles, was über das Thema Wittgenstein und Architektur zu wissen ist, wenn man ein einziges, in seiner schieren Idiotie allerdings herausragendes Zitat von ihm kennt: „Die Arbeit an der Philosophie ist – wie vielfach die Arbeit in der Architektur – eigentlich mehr die Arbeit an einem selbst.“

Nein, nichts ist für das Haus Wittgenstein unwichtiger als irgendein Philosoph. Was es aber äußerst klar zeigen kann, ist eins: wie absurd es ist, ein Gebäude ohne seinen städtebaulichen Kontext, ohne seine Nachbargebäude, zu betrachten. In einem der genannten Vorortbezirke, wo sich große Gartengrundstücke aneinanderreihen, ginge das vielleicht noch an. Margarethe Stonborough-Wittgenstein ließ ihre Villa aber auf der Landstraße, im 3. Bezirk, der von dichter innenstädtischer Bebauung geprägt ist, errichten. Daß die Villa in dieser Umgebung freistehen kann, ist ein kaum faßbarer Luxus, wie ihn sich zu dieser Zeit in Österreich höchstens noch eine Handvoll anderer Leute theoretisch hätten  leisten können. Mit den teuren Villen in den Vororten hat das Haus Wittgenstein deshalb kaum etwas zu tun. Eher ähnelt es den Adelsresidenzen, von denen sich in der Umgebung noch einige mitsamt Gartenresten erhalten haben. Es ist eine Illustration von Prousts Satz, daß ein kleiner Garten in Paris mehr bedeutet als der größte Landsitz in der Provinz.

Das Haus Wittgenstein geht aber sogar noch einen Schritt weiter als diese Residenzen. Während deren Gärten nach und nach von den heranrückenden Mietshäusern der kapitalistischen Großstadt verschlungen werden, schottet es sich völlig von seiner Umgebung ab. Dank einer leichten Steigung des Geländes zeigt das Grundstück zu drei angrenzenden Straßen, Kundmann-, Geusau-, Parkgasse, nur weiße Mauern, über denen erst der Garten liegt, wodurch die Villa sogar leicht zu übersehen ist.

HausWittgensteinMauern

Das Haus Wittgenstein steht damit wie auf einem Podest. Es gleicht dem Villenmodell auf einer Marmorplatte aus dem Comic „Dolores“. Es wirkt, als habe man eine Vorortvilla mit ihren Garten feinsäuberlich ausgegraben und dann versehentlich in der Innenstadt abgestellt. Es scheint in dem luftleeren Raum stehen zu wollen, in dem Architekturhistoriker jedes Gebäude gerne betrachten. Doch das kann ihm nicht gelingen, denn die Stadt ist eben da. So steht an der vierten Seite des Grundstücks, wo sich früher der Garten fortsetzte, das fünfzehngeschossige Hochhaus des Hauptverbands der österreichischen Sozialversicherungsträger.

HauptverbandHausWittgenstein

Es ist bestimmt vom Kupferton seines Stahlgerüsts und der vertikalen Streben zwischen den verspiegelten Fensterbändern, ein typischer, wenig schöner Verwaltungsbau aus den Siebzigern. Dunkel und hoch ragt er dicht neben dem weißen Haus Wittgenstein auf. An der Kundmanngasse ist ein niedrigerer Anbau, der Richtung Erdberggasse mit einer Brandwand endet, als wolle er dort an Blockrandbebauung anschließen, wobei es stattdessen wenigstens einen Grünbereich gibt.

HauptverbandErdberggasse

Der Blick auf die Villa ist von dieser Seite völlig verstellt. Sie rückt damit in eine Art Hinterhof und teilt, verspätet wie sie verspätet und völlig fehlplaziert gebaut wurde, das Schicksal der Adelsresidenzen.

HausWittgensteinTiefgarage

Vor dem Haus Wittgenstein sind heute die geschwungenen Ein- und Ausfahrten der Tiefgarage des Sozialversicherungshochhauses, dessen schönsten Teile, und eine dunkle Wand aus billigem Marmor auf der zu lesen ist: „Soziale Sicherheit ist die verlässlichste Grundlage der Demokratie“.

HausWittgensteinJohannBöhm

Diese Weisheit stammt nicht von Wittgenstein, sondern von Johann Böhm.

Das Haus Wittgenstein wurde spätestens durch das daneben gebaute Hochhaus völlig unbewohbar. Mitte der Siebziger wurde es von der Volksrepublik Bulgarien gekauft, die aus ihm das einzige machte, wozu es, vielleicht, zu gebrauchen ist: ein Kulturzentrum. Sie gab dem Eingang in der Parkgasse ein ornamentales Tor, hängte eine schlichte, aber wohlgestaltete Gedenktafel daneben, bietet auch Besichtigungen an, konzentriert sich im Garten aber lieber auf Kyrill und Method, die als Begründer der slawischen Schriftsprache auch zweifelsohne wichtiger sind als dieses Haus.

Advertisements