Ölhafen und Paradies

Die Dechantlacke ist die Wiener Version des Paradieses. Ein kleiner See nur, mitten oder wenigstens am Rand des dichten Walds des Naturschutzgebiets Lobau. In den warmen Jahreszeiten sind die unzähligen kleinen Uferstellen, Buchten und Halbinseln bevölkert von größtenteils nackten Menschen, die der Natur erst das Paradiesische geben. Wie an jedem Ort, der regelmäßig von einer größeren Zahl Nudisten frequentiert wird, gibt es die Ureinwohner, die immer dort sind und deren Farbe zwischen Braun und Orange schwankt. Sie haben sich, was nicht an jedem solchen Ort selbstverständlich ist und daran liegt, daß sie zumeist Hippies sind, hölzerne Unterstände, fast schon Hütten, gebaut, in und um die sie ihre Zeit verbringen. Auch die Baumstämme, die scheinbar zufällig auf dem Wasser treiben, stellen sich bald als Flöße heraus, teils sogar mit ausgeklügelten mechanischen Antriebssystemen. Wie jedes Paradies ist auch die Dechantlacke ein wenig eintönig, eine einzige Harmonie des kollektiven Nichtstuns, der richtige Ort für die heißesten Sommertage.

DechantlackeHippies

Die Welt scheint hier fern, aber, und das erst macht die Dechantlacke so interessant, sie ist es nicht. Die Lobau liegt am Rande von Wien, im Südosten abseits der Donau, aber eben in Wien. Wenn sie heute mit weiteren Seen, Sumpf-, Wald- und Wiesengebieten so sehr als unberührte Natur erscheint wie die Dechantlacke als Paradies, dann stimmt das nur halb. Denkmäler und einige Überreste erinnern daran, daß hier Napoleons Hauptquartier in der Schlacht von Aspern war. Damals, 1809, war die Lobau eine Insel; die heutige Landschaft ist Ergebnis der Donauregulierungen seit dem späten 19. Jahrhundert. Mitten in der Lobau sind auch die Reste des Donau-Oder-Kanals, eines nie über Ansätze hinausgekommenen Infrastrukturprojekt der Nazis. Bunker, auf die man immer wieder stoßen kann, dienten den Wachmannschaften der Zwangsarbeiter. Schon von der Dechantlacke selbst sieht man manchmal den hohen Schornstein des Dampfkraftwerks Donaustadt aus den Siebzigern.

Dechantlacke

Und immer wieder hört man das Donnern der Tankzüge, die zum Ölhafen mit dem Zentrallager der OMV fahren(geschickte Idee, aus der altbackenen Österreichischen Mineralölverwaltung durch die Wegnahme des Umlauts ein cooles internationales Unternehmen mit nichtssagender Abkürzung zu machen).

ZentrallagerOMV

Diese Anlagen wurden ebenfalls im Zusammenhang mit den Kanalplanungen von den Nazis gebaut und später erweitert. Sie liegen ebenfalls mitten in der Lobau.

Der Weg ins Paradies führt also über die Abstellgleise vor dem Ölhafen und vielleicht machen erst diese das Paradies erträglich.

FrachtenbahnhofLobau

Oben auf der Betonstraße fahren die Tanklaster und, bei schönem Wetter, viele Autos mit Ausflüglern. Die lassen die Dechantlacke aber zumeist links liegen und nutzen die ebenfalls gänzlich unnatürliche, erst durch den Bau der Donauinsel entstandene Neue Donau, um die es vielerlei Imbisse und konventionellere Badegelegenheiten mit und ohne FKK gibt. Ins Paradies fährt auch der Bus 92B Richtung Ölhafen.

Mit ihrer Kombination aus idyllischer Natur und unidyllischer Industrie sind die Dechantlacke und die weitere Lobau ein sehr Wienerischer Ort. Es gehört zum enormen Luxus des Lebens in dieser Stadt, daß die Hippies ihr eigenes kleines Naturparadies haben können, aber aufgehoben zwischen Kraftwerk, Bahngleisen und Ölhafen, Stützen der städtischen Zivilisation. Vielleicht geben sie sich da Illusionen von einem freieren, selbstbestimmteren Leben hin, während die zuständigen Magistratsverwaltungen sie unaufdringlich umsorgen, indem sie etwa die Mülltonnen leeren. Doch auch wenn man den Ölhafen mehr liebt als das Paradies: für die heißesten Tage gibt es nicht Besseres als die Dechantlacke.

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