Fachwerk um 1900

Als der Historismus des 19. Jahrhunderts in den letzten Zügen lag, wurde eine Pseudofachwerkarchitektur sehr beliebt. Nachdem alle gesamteuropäischen Stile von der Romanik bis zum Barock geplündert waren, besann man sich nun auf eine romantisch idealisierte Heimat, was ein weiterer, zuvor kaum für möglich gehaltener Rückschritt war, eine Art architektonischer Deutschtümelei.

Ein Musterbeispiel solcher Architektur kann man in der Severin-Schreiber-Gasse im 18. Bezirk betrachten.

SeverinSchreiberGasse

Ein großbürgerliches Mietshaus nahe dem Türkenschanzpark, vier, fünf Geschosse hoch. Zur Straße hin hinter dem Vorgarten eine eher schmale Fassade. Rechts der Mitte eine Terrasse, die auf dorischen Säulen einen Erker trägt. Im dritten Geschoß ist dieser nach links versetzt, das Fachwerk kommt hinzu. Er wächst weiter auf, verbindet sich mit einem komplizierten Dach mit vielerlei hölzernen Giebeln, oben eine abgerundete und verglaste Ecke. An der linken Seite hängt oben ein weiterer hölzerner Erker.

SeverinSchreiberGasseSeite

Alles soll etwas ungeordnet, wie Ergebnis eines jahrhundertelangen Bau- und Umbauprozesses erscheinen. Bis ins kleinste Detail ist das Gebäude mit Naturkitsch geschmückt. Rankenmuster um die Stützen eines Erkers, ein Eichhörnchenrelief, rechts unten eine Eule zwischen romanischen Säulchen mit Froschkapitellen, unter der ein steinerner Wasserfall entspringt.

SeverinSchreiberGasseEule

Heute tun echte Kletterpflanzen das ihrige, den Eindruck einer halbverfallenen Ritterburg, der schon zur Erbauungszeit beabsichtig war, zu verstärken. Abgesehen von seiner Fassadendenkoration unterscheidet sich dieses Gebäude aber nicht von einem beliebigen anderen Mietshaus seiner Zeit. An der Seite und bei dem angrenzenden Hinterhaus ist die Ornamentik schon sehr zurückgenommen.

Daß mit Fachwerk auch ganz anders umgegangen werden kann, zeigt ein Gebäude in der Vegagasse im 19. Bezirk. Es ist ebenfalls ein großbürgerliches Mietshaus und steht gar nicht weit entfernt, bloß am anderen Ende des Cottage, eines der wichtigsten Wiener Villenviertel.

Vegagasse17

Ein eher schlichter Bau, drei Geschosse hoch, bei den Ecken dreieckig vorgesetzte Teile mit besonders großen Fenstern, über denen das sehr hohe Walmdach, das auch sonst übersteht, halbrund wird. Die Fassade ist strukturiert von einem Fachwerk, das aber nicht aus Holz, sondern aus rot-brauner Keramik besteht. Es bildet regelmäßige Felder, in denen Fenster und verputzte Mauerflächen sind. Mit deutschtümelnder Naturromantik hat dieses Gebäude nichts zu tun. Es braucht keinerlei Ornamente oder Details. Von Robert Orley 1906 erbaut, wie bei den Türen geschrieben steht, ist es auch unabhängig von seiner Fassade etwas eindeutig Anderes ist, nicht radikal anders vielleicht, aber weit entfernt von einem typischen Mietshaus der Zeit.

Mit dem Jugendstil, der sich durchaus gerne auch mit Fachwerkkitsch verband, haben beide Gebäude außer der Zeit wenig gemein, bloß in der Ornamentik der Zäune finden sich Spuren. Doch das eine bleibt hinter ihm zurück, das andere geht über ihn hinaus. Während das Haus in der Severin-Schreiber-Gasse das Fachwerk, ein früher funktionales Element, rein dekorativ verwendet, um auf eine idealisierte Vergangenheit zu verweisen, sind im Fachwerk des Hauses in der Vegagasse, gleich, ob sich dahinter wirklich ein tragendes Gerüst verbirgt, schon die Stahlbetongerüste der kommenden fortschrittlichen Architektur zu erkennen.

Fassadendetail eines Baťa-Gebäudes in Zlín

Fassadendetail eines Baťa-Gebäudes in Zlín

Advertisements