Langenzersdorf ohne Johannes von Nepomuk

Johannes von Nepomuk war in Österreich der beliebteste Heilige der Gegenreformation und es gibt unzählige Statuen von ihm. Nicht überraschend daher, daß auch Langenzersdorf bei Wien seinen Johannes von Nepomuk hat. Er steht an der Hauptstraße des Orts, der Wiener Straße, dort, wo es zur Kirche und weiter in die Weinberge am Bisamberg hinaufgeht.

JohannesVonNepomukLangenzersdorfStatue

Die Skulptur selbst ist einerseits typisch – die expressiv verdrehte Körperhaltung, der Blick zum Kruzifix im rechten Arm, der Heiligenschein mit den Sternen – verrät aber andererseits durch viele Details – die feinen Gesichtszüge, den Abstand zwischen Arm und Kruzifix, den schwebend herabfallenden Umhang – die Hand eines talentierten Bildhauers, die von Stefan Gabriel Steinböck, dem Sproß einer alten Bildhauerfamilie. Doch bedeutend ist erst der aufwendige und große Sockel, auf dem die Skulptur steht.

JohannesVonNepomukLangenzersdorf

Dessen zentraler Zylinder wird durch drei geschwungen abfallende Voluten zu einer Y-Form erweitert, wodurch auch drei Flächen mit Reliefs entstehen.

JohannesVonNepomukLangenzersdorfWenzel

Eines der Reliefs zeigt unter der lateinischen Jahreszahl 1766 zwei Figuren, die man für ein Herrscherpaar halten könnte, wozu auch die Inschrift „Bitte um die Heerde und Ihren Hirten“ in der Volute rechts daneben passen würde. Aber im Jahre 1766 herrschte in Österreich bekanntlich Maria Theresia, also paßt das nicht. Tatsächlich soll das Relief die Versuchung Johannes von Nepomuks durch König Wenzel IV zeigen.

JohannesVonNepomukLangenzersdorfÜberschwemmung

Eines der Reliefs zeigt unter einer auf Wolken thronenden Maria, die neben sich ein Rad hat, ein Dorf, zweifelsohne Langenzersdorf selbst. Es ist nicht klar zu erkennen, was dort gerade geschieht, aber es könnte sich um ein Hochwasser handeln, aus dem ein Mann links gerade seine Habseligkeiten retten will, während eine Frau rechts, an die sich ein Kind klammert, auf einer Art Floß zu Maria betet, auf daß sie die Sonne, dargestellt vom Rad, hinter den Wolken hervorkommen lasse. Überschwemmungen gab es in Langenzersdorf, das auf einem eher schmalen Streifen zwischen Bisamberg und Donau liegt, bis zum Bau eines Damms im 18. Jahrhundert auch tatsächlich regelmäßig. Heute ist es leider schwer, dieses Relief gut zu betrachten, weil die Nadelsträucher in dem steingefaßten Hochbeet, das wohl bei der in der Volute links daneben genannten Renovierung 1935 bis 1936 gebaut wurde, zu hoch sind.

JohannesVonNepomukLangenzersdorfTürken

Das dritte Relief ist nicht nur, weil es vorne, zu Füßen der Skulptur ist, das wichtigste. Es zeigt im Vordergrund eine kniende Figur mit auf den Rücken gefesselten Händen zwischen zwei stehenden Figuren mit fremdartiger Kleidung, fremdartigen Bärten und fremdartigen Krummsäbeln: ein Einwohner Langenzersdorf kurz vor seiner Hinrichtung durch türkische Soldaten im Jahre 1683. Dahinter zeigt sie ein brennendes Bauernhaus, die brennende Kirche, einen schlanken Baum und, klein nur, aber im Mittelpunkt, eine Figur, die vor einem Reiter auf aufgebäumten Pferd die Hände von sich streckt. Und im Hintergrund sind die Berge.

Dieses vordere Relief ist der Höhepunkt des gesamten Werks. Man spürt deutlich, was dem Bildhauer wichtig war. Die Szene aus dem Leben Johannes von Nepomuks, die keine Bedeutung für irgendwen haben kann, ist mehr eine Fingerübung, für die Szene mit dem Hochwasser, die für das Leben der Langenzersdorfer schon viel relevanter ist, gibt er sich schon mehr Mühe, und bei der Szene mit den Türken zeigt er sein ganzes Können. Er scheint geradezu froh zu sein, hier nichts Religiöses mehr darstellen zu müssen, sondern sich ganz dem Realismus hingeben zu können. Denn es ist einfach nur eine Szene aus der jüngeren Geschichte des Orts, wie sie alle noch aus den Erzählungen von Menschen, die sie selbst miterlebt hatten, kannten. Der Bildhauer holt diese Szene noch einmal zurück und hält sie für immer fest. Er beweist dabei ein erstaunliches Gespür für den Ort, da die Perspektive auf der Bildfläche genau der entspricht, die der vor ihr stehende Betrachter hat. Genau das Gezeigte hätte er von genau dieser Stelle im Jahre 1683 sehen können.

Die Figuren im Vordergrund scheinen beinahe aus der Bildfläche herauszutreten, so lebensnah und detailreich sind sie sie gestaltet. Jede barocke Verrenkung fehlt. Steinböck schafft es, daß das Knien des todgeweihten Bauern nicht würdelos wirkt, da er den einen Fuß aufgestützt hat, als wolle er aufstehen, woran ihn aber die Hand des linken Soldaten auf seiner Schulter hindert. Die Türken selbst sind nicht böse oder wild dargestellt, sondern eben als Soldaten, die ihre tödliche Arbeit tun. Auf großartige Weise nutzt der Bildhauer auch die verschiedenen Ebenen des Reliefs. Am bewegendsten ist vielleicht die Szene im Mittelpunkt, weil hier die Gewalt und der Tod, die sich im Vordergrund erst anbahnen, schon zu sehen sind.

JohannesVonNepomukLangenzersdorfTürkenDetail

Hier sind keine Details mehr nötig, es genügen einige Umrisse, um den Schrecken des Krieges zu zeigen. Dennoch hat die Szene keinerlei Pathos. Sie zeigt ganz nüchtern ein Massaker, wie es in allen Kriegen zur Normalität gehört. Es gibt keine Lösung, keine Helden, nur Tod und Zerstörung. Anders als für den Hof in Wien war für den Bauern in Langenzersdorf auch das Eintreffen von Sobieskis Armee ziemlich unwichtig.

Und wenn man dort steht und in die Geschichte von Langenzersdorf blickt, vergißt man bald, daß da oben noch ein Heiliger steht. Wieso sollte man auch den Kopf heben, wenn man direkt vor sich etwas hat, das viel interessanter und lebendiger ist? So ist der Langenzersdorfer Johannes von Nepomuk schon, gleich den kleinen Putten auf den Voluten, kaum mehr als Beiwerk für ein realistisches und säkulares Kunstwerk.

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2 Gedanken zu „Langenzersdorf ohne Johannes von Nepomuk

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