Hochhäuser in Bergen

Was ein Berg ist und was ein Hochhaus ist, hängt immer von den Verhältnissen ab. Der nordholländische Ort Bergen hat seinen Namen wegen der bis zu vierzig, fünfzig Meter hohen Dünen, die ihn vom Meer trennen, da es weit und breit nichts Höheres gibt. Genauso ist in Bergen ein viereinhalbgeschossiges Punkthaus schon ein Hochhaus, weil es weit und breit nichts Höheres gibt.

HochhausBergenDeNegenNessen

Bergens Hochhäuser sind ganz einfach aufgebaut: in der Mitte die Treppenhäuser und Aufzüge, die Seitenwände der daran anschließenden vier- und viereinhalbgeschossigen Teile aus rotem Backstein, die Vorderseiten aus Fensterbändern und horizontalen blauen Holzflächen. Je vier von ihnen stehen in weiten Abständen an der Churchilllaan (Churchillallee) und der Schumanlaan (Schumanallee) und rahmen so das interessanteste Wohngebiet des Orts: De Negen Nessen ( Die Neun Landzungen).

Bei jedem der Hochhäuser beginnt eine Stichstraße, die bald mit einem tropfenförmigen Wendekreis endet, weshalb sie die Bezeichnung nes (Landzunge) trägt. An den Straßen stehen die Häuser, die den Hauptteil des Wohngebiets ausmachen.

DeNegenNessenBergenAnger

Alle sind zweigeschossig und bestehen ähnlich den Hochhäusern aus Backsteinwänden, bei manchen rot, bei manchen gelb, und Fensterbändern mit Holzflächen. Mal sind sie fast würfelförmige Einzelhäuser, mal längere Doppelhäuser. Verbunden sind sie durch flache Trakte mit Satteldach, in denen die Küchen und teils auch Garagen sind. Auffällig ist, wie verschwenderisch in dem Wohngebiet mit dem Raum umgegangen wurde.

DeNegenNessenBergenHäuser

Beidseits der Stichstraßen sind breite öffentliche Grünflächen, hinter denen die Häuser weit zurückgesetzt sind, und in der Mitte des Wendekreises ist eine große Grünfläche, die einem Anger gleicht. Die privaten Gärten der Häuser sind dagegen eher klein. Obwohl das Wohngebiet völlig repetitiv aufgebaut ist, gleicht dank der je unterschiedlichen Vegetation, die sich im Laufe der Jahre entwickelt hat, keiner dieser Straßenbereiche dem anderen.

DeNegenNessenBergenAnger2

In der Mitte des Wohngebiets verlaufen zwei parallele Kanäle, die dann durch einen weiteren verbunden sind. Umgeben vom Wasser ist der neunte, der Monnet-Nes, der als einziger nicht von Churchill- oder Schumanlaan, sondern vom quer dazu verlaufenden Landweg erschlossen ist und als einziger wirklich eine Art Landzunge bildet. Die Häuser hier haben exklusive Wasserzugänge.

DeNegenNessenWasser

Die städtebauliche Struktur entspricht also auch einer subtilen sozialen Differenzierung: außen die Hochhäuser, dann die normalen Häuser und in der Mitte die teuersten Häuser mit den Wassergrundstücken. Doch an den anderen Ufern der Kanäle und am verbindenden Kanal sind öffentliche Wege mit Grünflächen und Bänken. Es handelt sich eben um sozialstaatliche Stadtplanung der Sechziger: De Negen Nessen wurden ab 1967 sowohl für Einheimische, aber vor allem auch für die ausländischen Mitarbeiter des EURATOM-Forschungsreaktors im nahen Petten errichtet. Das erklärt, wieso die Straßen nach Politikern und sonstigen Persönlichkeiten benannt sind, die für die westeuropäische Einigung in der Nachkriegszeit wichtig waren und zur Bauzeit interessanterweise größtenteils noch lebten (neben Winston Churchill, Robert Schuman und Jean Monnet auch Gustav Stresemann, Paul-Henri Spaak, Walter Hallstein, Joseph Bech, Denis de Rougemont, Sicco Mansholt, vermutlich Christopher Dawson und Romano Guardini).

Entsprechend seiner Lage zwischen dem Landweg, einer großen Straße, die die inneren und äußeren Teile des Orts trennt, und der offenen Polderlandschaft ist das Wohngebiet ein Bereich, in dem Landschaft und Stadt in eins fließen, eine Art Pufferzone, die deren Aufeinandertreffen weniger abrupt macht. Entlang des Landwegs selbst sind heute abgesperrte Brachflächen. Früher war hier ein Supermarkt, eine Art Zentrum des Wohngebiet. Auf der anderen Seite der Churchilllaan, sind zudem einige andere wichtige Einrichtungen des wachsenden Bergen: die Europese School (Europäische Schule), das Hallenbad und der schon ältere Friedhof.

Für sich genommen ist das Wohngebiet De Negen Nessen nicht viel, aber für Bergen schon. Die Erweiterung des Orts über sein altes dörfliches Zentrum hinaus verlief nämlich ansonsten fast ausschließlich mittels eines einzigen Gebäudetyps: das zweigeschossige Reihenhaus. Die meisten sind aus Backstein und haben Satteldächer, die meisten sind durchaus funktional, die meisten haben durchaus auch öffentliche Grünflächen. Aber das Reihenhaus bleibt doch ein Gebäudetyp aus dem 19. Jahrhundert. Das Wohngebiet ist dank seiner Größe und Großzügigkeit, seinen locker verteilten, von den Straßen gänzlich losgelösten Häusern und nicht zuletzt seinen Hochhäusern immerhin ein Gegenentwurf, oder der Ansatz eines Gegenentwurfs, dazu. Alles hängt eben von den Verhältnissen ab.

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2 Gedanken zu „Hochhäuser in Bergen

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