Autopon oder Architektur der Verschwendung

Fast jeder Architektur wohnt vielleicht eine gewisse Verschwendung inne, weil sie immer etwas mehr ist, als sie unbedingt sein müßte. Selten jedoch ist das so deutlich wie bei diesem Gebäude in Amsterdam.

AutoponAmsterdam

Es steht am Ende des Overtoom, einer der wichtigsten Verkehrsachsen der Stadt, und ist entsprechend der Kurve zum Amstelveenseweg leicht geschwungen. Die ersten beiden Geschosse sind verglast und zurückgesetzt. Schräge Betonstützen, die schmal beginnen und sich dann als kompliziert abgerundete und eingewölbte Formen verbreitern, tragen eine Betonwanne und erst auf dieser sind die fünf Wohngeschosse. Ihre Fassade ist strukturiert aus teils unterbrochenen horizontalen Balkongeländern und vertikalen Streben, dahinter aber ebenfalls verglast. Im rechten Teil ist auf dem Dach ein weiteres zurückgesetztes Wohngeschoß, über dessen Terrassen sich ein Brüstungsband spannt. An all dem wäre noch nichts ungewöhnlich, man könnte das Gebäude sogar als Variation auf eine Le Corbusier’sche Unité d’habitation (Wohneinheit) betrachten.

Doch im linken Teil ist auf dem Dach noch ein zweigeschossiger Aufbau, ein wahres Penthouse, vor dessen Obergeschoß auf dünnen Stützen eine Terrasse steht und sogar noch über die Fassade des Gebäudes hervorragt. Und etwa in einer Linie mit der freischwebenden Terrasse auf dem Dach ist unten ein Raum, der vor dem zweiten verglasten Geschoß schwebt.

AutoponPenthouseRaum

Bis auf die Decke und den Boden aus Beton ist er völlig verglast und er schwebt wirklich. Keine Stütze verbindet ihn mit dem Boden. Gehalten wird er nur von zwei Stahlträgern, die von schräg oben aus dem Gebäude herausragen als seien sie eine Hand, die den Raum zwischen den ausgestreckten Fingern und dem Daumen über den Gehsteig hält.

AutoponRaum

Das ist ein Effekt der Schwerelosigkeit, der heute so sehr beeindruckt wie 1961, als das Gebäude fertiggestellt wurde. Der dafür erforderliche technische Aufwand war enorm – und ebenso die Kosten. Und daher stellt sich nach dem ersten Moment der Begeisterung die Frage: Wieso wurde dieser Aufwand betrieben? Der Raum, gläsern über den Köpfen der Fußgänger, erfüllt keinen ersichtlichen Zweck, er ist nur grandiose Verschwendung. Wieso also gibt es ihn?

Man kann den schwebenden Raum und das gesamte Gebäude nur begreifen, wenn man weiß, daß es für einen Autohändler gebaut wurde. Nach dem Geschäft von Ben Pon, einem frühen niederländischen VW-Importeur, heißt es allgemein Autopon-gebouw (Autopon-Gebäude). Daher ist auch der Vergleich mit einer Unité d’habitation verfehlt. Wo eine solche eben eine Wohneinheit ist, ist das Autopon-Gebäude in erster Linie Werbung für ein Unternehmen. Wo eine Unité d’habitation freisteht, ist das Autopon-Gebäude Teil der Blockrandbebauung. Wo die Pfeiler dort einen freien Durchgang schaffen, waren hinter ihnen hier die Verkaufsräume mit den Autos. Wo dort auf dem Dach ein halböffentlicher Raum mit Schwimmbad und Schule für die Bewohner ist, ist hier ein Penthouse, das aber auch mehr der Verstärkung der Werbewirkung als dem Wohnen dient. Und der schwebende Raum ist die extreme Variante eines Schaufensters: hier wurde das jeweils neuste VW-Modell ausgestellt. Mit in seiner ganzen verschwenderischen technischen Raffinesse ist er nur ein Gimmick, das die Blicke auf das Gebäude und das Geschäft lenken sollte. Er ähnelt damit den Türmen, mit denen sich so viele Amsterdamer Gebäude der Zwischenkriegszeit schmückten. Wo diese für die Werbewirkung noch monumentale Vertikalität brauchten, wird sie hier bei einem durchaus nicht monumentalen Gebäude durch ein viel subtileres, aber ebenso nutzloses Detail erreicht.

Heute ist im Autopon-Gebäude ein Fitnesstudio und das weiß die Transparenz des schwebenden Raums nicht mal mehr effektiv zu Werbezwecken zu nutzen: die Scheiben sind mit Plakaten zugeklebt.

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