Amsterdamer Türme

Jedes Gebäude in Amsterdam, das etwas auf sich hält, hat einen Turm. Traditionell waren das vor allem die Kirchen, wie überall, während die normalen Häuser entlang der Grachten und Straßen sich meist mit geschmückten Giebeln begnügten, wie überall. Das änderte sich im späten 19. Jahrhundert durch neue Gebäudetypen wie das Mietshaus, das Hotel, das Bürogebäude, die der entwickelte Kapitalismus hervorbrachte. Die ersten dieser neuen Türme neuer Gebäude, etwa diese Leidsestraat Ecke Keizersgracht, waren noch eher Kuppeln, wie sie ähnliche historistische Gebäude auch in anderen Städten haben.

LeidsestraatKeizersgracht

Doch als im Jahre 1900 nach nur zwanzig Jahren das „American Hotel“ am Leidseplein (Leidener Platz) umgebaut wurde, wie auf seiner Fassade samt Relief des ursprünglichen Gebäudes festgehalten ist,

AmericanHotelAmsterdamRelief

bekam es nicht nur Jugendstilformen, sondern vor allem auch: einen Turm.

AmericanHotelAmsterdam

Dieser, an der Gebäudeecke zur Singelgracht, mit Uhr, in einer Art Zikkuratform endend, war so etwas wie das Urbild der folgenden Amsterdamer Türme.

In der Zwischenkriegszeit dann, als die Architektur der Stadt von der expressiven Monumentalität der Amsterdamer Schule beherrscht war, kam es zu einer waren Turmschwemme. Wirklich jedes größere Gebäude bekam nun einen.

CarltonAmsterdam

Das riesige, der Vijzelstraat Kolonnaden zuwendende und die Reguliersdwarsstraat überspannende Carlton Hotel von 1928 – es hat einen Turm. Er krönt die komplizierte Dachlandschaft des Hotels und ist mit seinem offenen Stahlaufbau so etwas die eckige Variante einer der typischen offenen Turmhauben der Stadt.

AmsterdamscheBankRembrandtplein

Das ehemalige Bankgebäude am Rembrandtplein (Rembrandtplatz), 1932 fertiggestellt – es hat einen Turm. Das Gebäude tritt an der Ecke leicht zurück, aber nur, um seinen schlanken, aus mehreren eckigen Teilen zusammengesetzten Uhrturm noch stärker wirken zu lassen.

ChevroletStadhouderskadeAmsterdam

Das 1927 fertiggestellte Gebäude eines Chevrolet-Händlers am Stadhouderskade (Statthalterkai) – es hat einen Turm. Eckig und mit vertikalem Fensterschlitz scheint er vor allem zeigen zu wollen, wo das Gebäude anfängt und der Nebenbau aufhört, doch das gelingt ihm kaum, da der dunkelrote Backstein alles dominiert. Das ist auch der Grund, wieso die drei beschriebenen Gebäude einander so ähnlich sind.

DeTelegraafNieuwezijdsVorburgwalAmsterdam

Auch das bereits deutlich fortschrittlichere, von einer einfachen Backsteinfassade mit großen regelmäßigen Fensterflächen bestimmte ehemalige Redaktionsgebäude der Tageszeitung „De Telegraaf“ am Nieuwezijds Voorburgwal (Neuseitner Vorburgwall), 1930 fertiggestellt – es hat einen Turm. Doch dieser ist viel schlichter, eine simple eckige Form, die sich oben in einer dünneren eckigen Konstruktion aus Stahl und Glas fortsetzt, so daß er an eine Antenne erinnert. Er ist auch der höchste der Amsterdamer Türme.

Doch wie sind diese Turmbauten zu Amsterdam nun zu erklären? Vielleicht genügt es, den Namen des ersten so betürmten Gebäudes zu betrachten: „American Hotel“. Alle genannten Gebäude wollen amerikanisch sein oder so, wie sich niederländische Architekten Amerika vorstellten, sie wollen dem alten Amsterdam ein wenig vom ehemaligen Nieuw Amsterdam und heutigen New York geben, sie wollen Wolkenkratzer sein. Doch für wirkliche Wolkenkratzer reichte das Geld und vieles andere nicht, also mußten die Türme als Ersatz dienen, als Andeutung des Strebens in die Höhe. Anders als die Wolkenkratzer Amerikas sind sie damit völlig nutzlos oder, falls sie Uhren haben, zumindest nicht nützlicher als die Kirchtürme und werden so ungewollt doch wieder sehr europäisch. Mit Wolkenkratzern wie Kirchen gemein haben sie allerdings, daß sie in der Stadt mehr oder weniger zufällig und nicht nach stadtplanerischen Gesichtspunkten plaziert sind. Fast keiner der genannten Türme ist aus größerer Entfernung sichtbar oder steht in einer Sichtachse.

An der einen Stelle in Amsterdam, die für ein Hochhaus oder wenigstens einen Turm geradezu prädestiniert wäre, dem innerstädtischen Abschluß der langen und breiten Straße Overtoom, kurz hinter dem Leidseplein, steht zwar durchaus ein Gebäude aus der Zwischenkriegszeit, aber es ist nicht sehr hoch und hat auch keinen Turm.

GemeentetramAmsterdam

Der frühere Sitz der städtischen Verkehrsbetriebe Gemeentetram (Gemeindetram) von 1923 beschließt die Achse vielmehr auf dieselbe Art, wie es ein dreiflügeliges Schloß täte. An beiden Seiten des Backsteinbaus sind dreigeschossige Querflügel, die in den Ecken runde, oben verglaste Erker und im oberen Geschoß trapezförmige Fenster haben. Zwei Bauteile, die nur aus Wandflächen und dunkel verglasten Ecken bestehen, leiten über zum viergeschossigen Hauptflügel, der durch vertikale Streben zwischen den Fenstern der ersten drei Geschosse strukturiert ist und in Mitte ein Portal hat. Es ist ein durch und durch konservatives Gebäude, dem sogar der sympathische Wunsch, Wolkenkratzer zu sein, fehlt. Etwas Wertvolles und Schönes hat es aber doch: unterhalb des zweiten Geschosses des Hauptflügels ragen eckige Steinstreben nach vorne, die vom Bildhauer Hildo Krop als Reliefs, nein, als Skulpturen gestaltet sind.

GemeentetramAmsterdamSkulpturenHildoKrop

Die Motive haben mit Verkehr zu tun, Pferde vor einer Kutsche, Sänftenträger, was so naheliegend wie banal ist. Wie der Stein aber ganz ausgenutzt und man etwa vorne die Pferde und an den Seiten die Kutsche sieht, ist großartig.

GemeentetramAmsterdamSkulpturenDetail

Diese Kleinteiligkeit und Allansichtigkeit bricht beinahe die frontale Monumentalität des Gebäudes. Solche neuartigen künstlerischen Herangehensweisen, wie man sie in Wien etwa bei Josef Scheus Grab findet, gibt es in Amsterdam häufiger, bereits an der Börse, einem Jugendstilbau von 1903, gibt es Beispiele.

Wie schön ein Amsterdamer Turm sein kann, wenn er keiner mehr ist, zeigt schließlich das Kaufhaus Vroom & Dreesmann. Es wurde 1934 errichtet und ist eines der fortschrittlichsten Amsterdamer Gebäude seiner Zeit. Eigentlich besteht es nur aus von hellem gelben Backstein gerahmten Glasflächen zur Kalverstraat

V&DKalverstraat

und zum Rokin.

V&DRokin

Doch auf die Andeutung eines Turms kann es nicht verzichten: zum Rokin ragt ein Erker, in dem wohl ein Treppenhaus ist, halbrund hervor. Monumentalität allerdings ist hier keine mehr. Jede horizontale Wirkung wird durch die große Glasfläche daneben aufgehoben. Damit man den Kopf keinesfalls heben braucht, ziert den unteren Abschluß dieses Treppenhauses, genau auf der Augenhöhe der Passanten, ein Steinrelief.

V&DRokinRelief

Es zeigt in der Mitte einen knienden Mann, der das Amsterdamer Wappenschild mit dem xxx hält, und einen sitzenden Mann, der eine Krone darüber hält. Das ist eine simple Darstellung der Verleihung des Rechts, die heilig-römische Kaiserkrone über dem Wappen zu tragen, durch den späteren Kaiser Maximilian I. im Jahre 1489. Der Ort ist wohl gewählt, um die etwas paradoxe Tatsache, daß eine protestantische Stadt sich mit der Krone eines katholischen Herrschers schmückte, darzustellen, denn früher stand dort eine katholische Kirche. Es waren die katholischen Unternehmer Willem Vroom und Anton Dreesmann, die sie abreißen ließen, um 1912 ihr erstes Kaufhaus, den Vorgängerbau des heutigen, zu errichten, selbstverständlich aber nicht ohne anderswo den Bau einer weit größeren neuen Kirche zu unterstützen.

So verbindet sich hier fortschrittliche Architektur, die nicht mehr von Amerika träumt, sondern in aller Schlichtheit und Bescheidenheit ihre Funktion erfüllt, mit einem wichtigen Ansatz für eine fortschrittliche baugebundene Kunst. Oder zumindest ist es das, was man heute sieht. Das liegt jedoch daran, daß nur die Hälfte des ursprünglichen Plans ausgeführt wurde. Dieser sah vor: einen Turm. Er wäre dem des Telegraaf-Gebäudes wohl sehr ähnlich geworden. Wieder einmal taten der Zufall und ökonomische Einschränkungen ihre segenreiche Wirkung für die Architektur. Nur dank ihnen ist das Kaufhaus Vroom & Dreesmann ein Antithese zu allen Amsterdamer Türmen und Beispiel eines Wegs in die Zukunft.

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2 Gedanken zu „Amsterdamer Türme

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