Bergens Zentrum

Der Ort Bergen im Norden von Holland hat ein doppeltes Zentrum. Es gibt zum einen das alte Zentrum, dessen Mittelpunkt eine gotische Kirche bildet. Sie war einst recht groß, doch seit ihrer Zerstörung durch protestantische Geuzen im Kampf gegen die katholischen Spanier im Jahre 1574 besteht sie zu mehr als der Hälfte nur noch aus den Außenmauern mit ihren backsteinernen Spitzbögen.

RuïnekerkBergenNH

Der verbleibende Teil der sogenannten Ruïnekerk (Ruinenkirche) hat in der Dachmitte ein Türmchen mit offenem Glockenspiel und einer für die niederländischen Sakralarchitektur typischen Haube, die eine Zwiebelform nur aus gebogenen Streben bildet. Um die Kirche ist eine Wiese, die früher der Friedhof war, und darum ein rechteckiger Platz mit kleinen, mehr oder weniger alten Backsteinhäuschen. Bloß das passend benannte bereits beinahe klassizistische „Huis met de pilaren“ (Haus mit den Pfeilern) von 1787 sticht aus dieser Bebauung heraus.

HuisMetDePilarenBergenNH

Das ist der Kern des alten Dorfs Bergen.

Von der nordwestlichen Ecke des Platzes blickt man schon ins nahe neue Zentrum. Es nimmt eine Straßenecke ein und besteht nur aus einem einzigen Gebäudekomplex sowie dem Raum um diesen.

BakemaflatBergenNH3

Über dem Plein (Platz), wie er einfach heißt, ist ein zweigeschossiges Wohngebäude aufgestützt. Es beginnt an der Breelaan mit einer Schmalseite aus rötlichem Backstein und erstreckt sich auf schlichten quadratischen Stützen nach rechts. Vor der Schmalseite ist eine freistehende Betontreppe, die zu einem vorgesetzten Balkon auf der von der Straßenecke abgewandten Seite, von dem die Wohnungen erschlossen werden, führt. An dieser Seite besteht das erste Geschoß aus Holzverkleidung und Glas und das zweite aus Backstein mit Fenstern, die oben durch schmale horizontale Fensterschlitze verbunden sind.

BakemaflatBergenNH2

An der anderen Seite ist das erste Geschoß über der Betonfläche des Bodens völlig verglast, da auch die Balkonbrüstungen fast nur aus Glas bestehen, während das zweite weißgekachelte Balkonbrüstungen hat. Als markante vertikale Gliederung wirken hier die Backsteinwände, die die Wohnungen trennen.

BakemaflatBergenNH1

So ist der Plein in zwei Teile geteilt, aber doch ein Ganzes, da das Gebäude nicht als Hindernis, sondern als Durchgang wirkt.

BakemaflatBergenNHDurchgang

Kurz nach der Treppe steht quer zwischen den Stützen ein stark verglaster Flachbau, in dem früher das Fremdenverkehrsbüro VVV war. Erst bei seinem anderen Ende hat das Wohngebäude auch ein Erdgeschoß. Hier beginnt quer eine Ladenzeile mit breitem, von dünnen Stahlstützen getragenem Vordach.

BakemaflatBergenNHVordach

Dieses Vordach schließt an einen Restaurantpavillon an, wodurch der Platz an der Ecke auch zu dieser Seite einen durchlässigen Abschluß bekommt. Die weitere Ladenzeile, erst parallel zur Straße, dann wieder quer und schließlich, nun nah bei ihr, noch etwas weiter parallel, wird so zu einer Art Boulevard, der aus dem Platz entspringt. Das ist das Zentrum des heutigen, vom Tourismus geprägten Bergen.

Der so markante wie schlichte Gebäudekomplex, 1958 erbaut und nach seinem Architekten Jaap Bakema manchmal Bakemaflat (Bakema-Wohngebäude) genannt, ist für das neue Zentrum das, was die Ruïnekerk für das alte ist. Doch anders als sie bleibt er gänzlich allein. Schon in der nächsten Umgebung ist nichts, was seinem Anspruch auf eine neue, geplante Stadtstruktur nahe käme, dort stehen nur beliebige Wohn-, Hotel- und Einkaufsbauten, die nichts mit ihm oder miteinander zu tun haben. Das übrige Bergen ist ein einziges Suburbia, das zur einen Hälfte aus teuren Villen am Rande der Dünen und zur anderen Hälfte aus Reihenhäusern am Rande der Felder besteht. Hier wie dort gibt es einiges zu entdecken, aber nichts wie das Bakemaflat.

Zwischen altem und neuem Zentrum, nicht geographisch, sondern zeitlich, gibt es nur einen einzigen Ansatz von Stadtplanung: die Stationsstraat (Bahnhofsstraße). Breit, mit relativ großen Backsteinhäusern bebaut, will sie, wohl um die Jahrhundertwende entstanden, ganz Boulevard im Sinne des 19. Jahrhunderts sein. Auch ihre Entstehung hat schon mit dem Aufkommen des Tourismus zu tun. Ihr Name ist eine der wenigen Erinnerungen an die Kleinbahn, die zwischen 1905 und 1955 die nahe Stadt Alkmaar mit Bergen und seit 1909 auch mit dem Badeort Bergen aan Zee verband. Wiewohl sie dampfbetrieben war und größtenteils außerhalb der Ortschaften verlief, galt sie im damaligen Sprachgebrauch als Tram, ganz wie Prousts Bahn in Balbec. Die Haltestelle befand sich direkt vor dem Bakemaflat, doch die beiden verpaßten sich knapp und hätten auch nicht wissen können, daß sie Teil desselben Fortschritts waren.

Heute gehört Bergen den Autos und Fahrrädern. Man kann nur wünschen, daß seinem hübschen neuen Zentrum das Schicksal der halben Kirche und der ganzen Kleinbahn erspart bleibt.

Advertisements

2 Gedanken zu „Bergens Zentrum

  1. Pingback: Hochhäuser in Bergen | In alten und neuen Städten

  2. Pingback: Doktorenvilla Bergen | In alten und neuen Städten

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.