Venedig mit dem Zug

Vielleicht keine andere Stadt hat einen so perfekt gelegenen Bahnhof wie Venedig. Der Zug führt einen sicher durch das halburbane Chaos von Mestre, gewährt einen kurzen Blick in die Industrie von Marghera und trägt einen sogar übers Wasser.

Und dann ist man im Bahnhof Venezia Santa Lucia. Er ist in einem konservativen, noch stark vom Faschismus beeinflußten Stil, wie ihn nicht wenige italienische Bahnhöfe der Nachkriegszeit haben, errichtet, viel glatter Stein, Kassettendecke, ein heute von neuen Ladenbauten halbverdecktes halbabstraktes Wandbild, durchaus hübsch.

Und dann tritt man hinaus und da ist Venedig.

VenedigBlickVomBahnhof

Eine Kirche mit Tempelfassade und hoher kupferner Kuppel, der Canale Grande, auf dem sehr viele Boote und auch die ein oder andere Gondel fahren, eine weiße steinerne Brücke. Das ist genau das Venedig, das man schon kennt, bevor man je dort war, das Venedig, das man sucht, und das Venedig, das man finden wird. Man muß nicht einmal unter dem Vordach hervortreten, nicht einmal die Stufen auf den Vorplatz hinuntergehen, um Venedig gesehen zu haben. Eigentlich kann man gleich kehrt machen und den nächsten Zug anderswohin nehmen. Denn sicher verpaßt man dann das romantische Chaos der Gassen und Kanäle und die fortschrittliche Klarheit des Dogenpalasts oder des Parkhauses und sicher kann man mit den Kunstschätzen all der Kirchen und Paläste Tage, Jahre, Leben verbringen, aber Venedig, das hat man schon mit diesem ersten Blick vom Bahnhof gesehen.

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