Der Unterschied

Gab es einen Unterschied zwischen der fortschrittlichen Architektur im Kapitalismus und im Sozialismus? Um das ansatzweise zu beantworten, sei ein Gebäudekomplex im 11. Bezirk beschrieben.

GebäudeKaiser-Ebersdorfer-StraßeFlorian-Hedorfer-StraßeStraßenseite

Parallel zur Kaiser-Ebersdorfer Straße ein siebengeschossiger Bauteil und in diesem quer drei weitere Bauteile, die noch um sieben weitere Geschosse anwachsen. Zur Straße hin fallen sie in steilen Terrassenstufen, die zweimal drei und zweimal zwei Geschosse umfassen, auf vier Geschosse ab. Die beiden offenen Plätze, die davor entstehenm sind zu kahl und dadurch, daß sie leicht erhöht über Parkplätzen angelegt sind, vom Straßenraum einerseits zu sehr abgegrenzt, um ihn zu ergänzen, andererseits aber auch nicht genug, um einen eigenen Raum zu bilden.

GebäudeKaiser-Ebersdorfer-StraßeFlorian-Hedorfer-StraßeVorplatz

Doch die große Stärke des Gebäudes ist seine andere Seite.

GebäudeKaiser-Ebersdorfer-StraßeFlorian-Hedorfer-StraßeErholungsgebiet

Hier fallen die quergesetzten Bauteile in meist eingeschossigen Terrassenstufen sanft ab. Zwischen ihnen sind leicht unter dem Straßenniveau liegende Grünanlagen und ihnen gegenüber steigt ein steiler, stark bewachsener Hang an, oberhalb von welchem auch nur vereinzelte Einfamilienhäuser stehen. Gerade dieser Hang zeigt, daß dies die perfekte Lage für ein Gebäude dieser Art ist. Statt störender Nachbarn oder Straßen haben möglichst viele Wohnungen gegenüber nur Grün und dahinter die vom Zentralfriedhof dominierte Vorstadtlandschaft. Die Terrassen wachsen im sanften Schwung in die Natur hinein, die schon auf ihnen als üppige Bepflanzung angedeutet ist, sie werden gleichsam zum Gegenstück des Hangs. Die Architektur verleugnet dabei jedoch nie ihre menschliche Herkunft. Die Formen sind eckig und schnörkellos, betongraue Balkongeländer, braun-beige Verkleidung.

Doch leider ist dieser Gebäudekomplex nicht nur ein Beispiel dafür, wie Architektur die natürlichen Gegebenheiten ausnützen sollte, sondern auch eines dafür, wie machtlos Architektur ist, wenn die gesellschaftlichen Grundlagen schlecht sind. Denn noch zwischen dem Gebäude und dem Hang ist ein sogenanntes Erholungsgebiet Simmering, ein schmaler Grünzug, der vor allem von Leuten mit Hunden und Joggern genutzt wird. Und die Grünanlagen des Gebäudes und das Erholungsgebiet trennt ein Zaun.

GebäudeKaiser-Ebersdorfer-StraßeFlorian-Hedorfer-StraßeZaun

Dieser Zaun ist der Kapitalismus. Die Architektur macht alles richtig, sie öffnet sich dem Grün, fließt in es hinein, aber das ist egal. Der Kapitalismus ist stärker und er will keine neuen, offenen Räume. So errichtet er einen Zaun, der einen Raum, der ein einziger sein müßte, in zwei traurige kleinere zerschneidet. Wieder einmal erlebt man klar, daß es nicht zuerst um Architektur, sondern um die Gesellschaftsordnung geht.

Noch mal also die Frage: Gab es einen Unterschied zwischen der fortschrittlichen Architektur im Kapitalismus und im Sozialismus? Vielleicht nicht, aber im Sozialismus gab es diesen Zaun nicht.

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