Palmanova

Wer Palmanova besucht, weil er eine Idealstadt der Renaissance sehen will, wird enttäuscht werden, jedenfalls, wenn er dementsprechende Gebäude erwartet.

Palmnova ist eine Stadt, in der es eigentlich kein einziges sehenswertes Gebäude gibt. Die Kirche wenigstens ist so, wie eine Renaissancekirche in einer italienischen Kleinstadt sein sollte, Pilaster, Skulpturen, Marmor. Schon das Rathaus erkennt man kaum und alle anderen Gebäude sind noch unscheinbarer. Auch die Arkaden, die in anderen italienischen Städten die architektonische Langeweile überdecken, fehlen hier.

Aus Tietze, Christian: Megalopolis, Leipzig/Jena/Berlin 1988

Aus Tietze, Christian: Megalopolis, Leipzig/Jena/Berlin 1988

Palmanova ist eine Stadt, die zuerst ihr Stadtplan ist. Was sie ausmacht, kann man nur auf diesem wirklich erkennen, man muß sie eigentlich gar nicht besuchen. Vor Ort merkt man vielleicht ein wenig von ihrer Eigenart, wenn man in ihrer Mitte steht, in der Mitte der riesigen sechseckigen Piazza Grande, die ihren Namen nicht von ungefähr trägt. In jeder ihrer sechs Seiten öffnet sich eine Straße. Jede zweite von ihnen führt auf ein Stadttor zu. Auch alle anderen Straßen der Stadt passen in das vom Platz vorgegebene Sechseckmuster, aber das ist ohne Stadtplan schon kaum mehr erfahrbar.

PalmanovaStadtplanSchild

Weit mehr als eine Stadt aber ist Palmanova eine Festung. Seine ganze ideale Form ergibt sich aus den Festungsanlagen, die es mit neun spitzen Bastionen umgeben, so daß von oben gesehen ein neunzackiger Stern entsteht. Heute kann man auf langen Wegen die romantischen Reste dieser Anlagen erleben und sich von den Weiden, die vor bröckelnden steinernen Mauern ihre Zweige ins Wasser hängen lassen, von ihren militärischen Zwecken ablenken lassen.

Aber man wird Palmanova nicht verstehen, wenn man nicht versteht, daß seine Errichtung kein städtebauliches, sondern ein militärisches Projekt war. Es entstand als Kolonie der Republik Venedig in den wilden Weiten des Friaul und sollte deren Gebiet vor den Türken, den Deutschen oder wer sonst noch von Nordosten herandrängen konnte, schützen. Die Stadt Palmanova ist nur ein Nebeneffekt der Festung und ihre Idealität eher eine Werbung für die venezianischen Architekten als besonders praktisch. Nicht so überraschend, daß sie auf dem Papier schon immer besser aussah als in Wirklichkeit. Nicht so überraschend, daß für Dekorationen an den Gebäuden keine Mittel übrigblieben. Gelungenere Stadtgründungen der Renaissance findet man anderswo.

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