Orloj Olomouc

Diese Uhr ist eines der Wahrzeichen von Olomouc. Sie befindet sich an der nördlichen Seite des Rathauses in einer haushohen spitzbögigen Nische, die von einem geschwungenen Giebel mit dem rot-weißkarierten Olomoucer Adler abgeschlossen ist.

Aus Haupt, Klaus: Aus meiner zweiten Heimat - ČSSR, Leipzig 1976

Aus Haupt, Klaus: Aus meiner zweiten Heimat – ČSSR, Leipzig 1976

Es braucht nur einen Blick, um zu sehen, daß diese Orloj (das Wort ist vom französischen horloge abgeleitet und wäre mit Turmuhr oder besser astronomische Uhr zu übersetzen) in ihren heutigen Formen ein Werk der frühen Fünfziger ist, „komunistický orloj“ wird sie in Olomouc auch genannt. Die Nische ist völlig ausgefüllt von Mosaik, dessen Grundfarbe Gold ist. An den Seiten sind in grünen Kreisen Bauern im Laufe der Monate dargestellt. Unten, auf Höhe der Betrachters, aber weit überlebensgroß, steht links ein Arbeiter und rechts ein Wissenschaftler. Im oberen Teil sieht man einen Zug von Mädchen in Trachten der Haná, der Gegend um Olomouc, und, schon im Bogen, drei Reiter in entsprechenden Trachten.

So ist von den Repräsentanten des Sozialismus und der Region die eigentliche Uhr gerahmt. Sie beginnt unten zwischen Arbeiter und Wissenschaftler mit einem großen Kreis, der die Tage des Jahres mit Namenstagen und wichtigen Daten wie dem Internationalen Kindertag oder Geburts- und Todestagen von Lenin, Stalin, Gottwald zeigt,

OrlojOlomoucLenin

während in der Mitte kleinere Kreise die Mondphasen, den Tag des Monats, den Monat und den Wochentag anzeigen. Darüber ist ein ebensogroßer Kreis mit Tierkreiszeichen, flankiert von kleineren Kreisen mit einer Vierundzwanzigstundenuhr, einer Anzeige des aktuell sichtbaren Sternenhimmels, einer normalen Uhr und einer Anzeige der Minuten der Stunde.

Schon hier kann man sich fragen, was gerade etwas Esoterisches wie die Tierkreiszeichen, in deren vielzeigriger Anzeige man wohl auch verrückte Dinge wie Aszendenten ablesen kann, mit dem Sozialismus zu tun haben soll, wobei auch keine hinreichende Erklärung ist, daß das eben von der früheren Version der Orloj übernommen ist. Aber das eigentliche Problem der Orloj ist ein künstlerisches. Die Mosaike heben sich von der üblichen stalinistischen Qualität kaum ab, wenn auch immerhin der Arbeiter, in blassblauem Overall und Mütze, Schraubenschlüssel in der Hand, dem Betrachter mit einem so selbstbewußten wie lebensvollen Blick zugewandt ist.

OrlojOlomoucArbeiter

Den Mittelpunkt der Orloj, zwischen dem zweiten Anzeigenfeld und dem Zug der Mädchen, bilden jedoch kleine, wohl hölzerne Figuren in kleinen Öffnungen.

OrlojOlomoucFiguren

Links stehen oben zwei Schmiede mit einem Amboß, rechts zwei Flötenspieler um einen Notenständer und darunter sind jeweils Figuren, die wohl die Gesellschaft repräsentieren sollen, auf sich drehenden Plattformen angeordnet. Das Problem ist, daß diese Figuren in ihrem kleinlichen Naturalismus ganz genau so aussehen wie jene Männchen, die man in Modelleisenbahnlandschaften findet. Wenn sie dann mittags hämmern und musizieren und sich im Kreis drehen, wirkt das nur lächerlich. Sogar der goldene Hahn, der in der Mitte vor einem runden goldenen Gitter hängt, wird zum jämmerlichen Hähnchen, wenn er mit seinen mageren Flügeln zu flattern beginnt.

Die großartige Idee, ein traditionelles Gestaltungselement wie die astronomische Uhr mit zeitgemäßem, sozialistischem Inhalt zu füllen, scheitert so an der künstlerischen Ausführung. Wahrzeichen von Olomouc ist die kommunistische Orloj allerdings noch heute im rabiat antikommunistischen Tschechien. Pünktlich um zwölf Uhr mittags versammeln sich dort im Jahre 2015 nicht weniger Menschen als auf diesem Bild von 1975.

Aus Smahel, Rudolf: Flora Olomouc, Martin/Ostrava 1980

Aus Smahel, Rudolf: Flora Olomouc, Martin/Ostrava 1980

Zeigt, wie wenig Wahrzeichen mit künstlerischem Wert zu tun haben und daß sie sogar stärker als jede Politik sein können.

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