Archiv für den Monat April 2015

Hundertwasser an der Autobahn

An der Autobahnraststätte Bad Fischau, an der A2 kurz vor Wiener Neustadt, erwartet einen hinter der Tankstelle eine Überraschung: ein McDonald’s von Hundertwasser.

BadFischauRaststätte

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Man sieht es auf den ersten Blick, es ist dieser typische Stil mit den spielzeugbunten bauchigen Säulchen und den Kugeln auf dem Dach. Sich selbst und sein Schaffen zu einer wiedererkennbaren Marke zu machen, wie es heute das Erfolgsgeheimnis aller Starchitekten ist, hatte Hundertwasser gut verstanden. Das ist auch das erste Argument gegen ihn, denn ein gutes Gebäude sollte man zuerst nicht als Werk eines bestimmten Architekten, sondern als ein gutes Gebäude erkennen.

Dieser McDonald‘s an der Autobahn zeigt, wieso es falsch ist, Hundertwasser überhaupt als Architekten zu begreifen. Wenn man sich all die bunte Ornamentik wegdenkt, bleibt ein ganz simples Gebäude mit zwei Geschossen, deren oberes leicht übersteht, einem Flachdach und einem Vordach, das zum verglasten Treppenaufgang links führt. Alles, was Hundertwasser tat, war, ein durchschnittliches funktionales Gebäude neu zu dekorieren. Im Inneren fallen die hundertwässrigen Formen denn auch kaum mehr auf, wichtiger sind das aktuelle Corporate Design von McDonald’s und der Blick hinaus auf die niedrigen Berge.

BadFischauMcDonald'sInnen

Erst, wenn man im Untergeschoß zu den Toiletten geht, bekommt man wieder eine volle Dosis Hundertwasser. An einer Wand dort läßt sich gut darlegen, was so lächerlich an solcher Dekorationsarchitektur ist.

BadFischauToiletteWald

Die bunten Kacheln sind zu einer Wellenform angeordnet und sollen wohl den Eindruck erwecken, die Wand sei nicht einfach gerade, sondern irgendwie phantasievoll verspielt. Allein: die Wand ist eine Wand und kann nichts anderes sein. Die Ornamentik mag sich noch so verspielt geben, die Wand muß sich an die Gesetze der Physik halten, um ihre tragende Funktion zu erfüllen. Die Lüge, mit der Hundertwasser das Gebäude schmückt, scheitert an der Realität.

Nun könnte man fragen, was eigentlich das Problem an der Lüge sei, wenn sie den Menschen eben gefalle. Es ist auch wahr, daß in aller bisherigen Architektur funktionale und dekorative Strömungen miteinander im Widerstreit lagen. Dennoch ist die Antwort einfach: eine Architektur, die ihre Dysfunktionalität, oder in diesem Fall: ihre Funktionalität, hinter Ornamentik versteckt, trägt dazu bei, die Dysfunktionalität der gegenwärtigen kapitalistischen Gesellschaft zu verschleiern. Eine Wand eine Wand sein zu lassen, ist eine moralische Notwendigkeit.

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Markthalle Triest

Der Mercato Coperto in Triest ist ein sehr einfaches Gebäude.

MercatoCopertoTriesteHalle

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Die eigentliche Halle in seinem Inneren ist bestimmt von den Stützen an ihren Seiten, die oben verbunden sind, um das fast flache Dach zu tragen. Doch mehr noch ist sie bestimmt von dem allgegenwärtigen Weiß und dem Licht, das durch die zwei offenen Geschosse zu beiden Seiten und durch Fenster unterhalb des Dachs in sie hineinfällt. Nichts in ihr lenkt ab von den Ständen mit den verschiedensten Waren, die aufzunehmen sie dient.

MercatoCopertoTriesteWendelrampeAnfang

Am Ende der Halle führt eine großzügige Wendelrampe ins zweite Geschoß und noch weiter, aufs Dach. Sie dient dem Transport der Waren nach oben.

MercatoCopertoTriesteWendelrampe

Das Äußere der Mercato Coperto sieht genau so aus, wie es als Hülle für dieses Innere aussehen muß.

MercatoCopertoTriesteAußen

Das Gebäude nimmt, was man innen nicht merkt, ein dreieckiges Grundstück in der Gabelung zweier Straße ein. Zu beiden dieser Straßen zeigen große rechteckige Fensterflächen, die von weißem Putz gerahmt sind. Neben ihnen sind die Eingänge mit dünnen Vordächern, über denen erst schmale horizontale und dann runde Fenster sind. Die Ecke ist abgerundet und umlaufen von zwei geschwungen aufsteigenden Fensterbändern, die dem Verlauf der Wendelrampe im Inneren entsprechen.

Die gesamte äußere Gestalt ergibt sich also aus der Funktion. Die abgerundete Ecke, sonst auch bei einigen der gelungensten Gebäude nur ästhetische Spielerei, ist hier funktional absolut notwendig. Da der Fensterverlauf einzig von der Funktion und nicht von sonstigen Erwägungen bestimmt ist, vermag diese Ecke, bei aller Einfachheit, geradezu zu verwirren. Sogar daß das dritte Geschoß und der kleine halbrunde Uhrturm auf dem Dach hinter der Ecke etwas zurückgesetzt ist, erklärt sich durch die dort endende Rampe. Lediglich, daß sich auf diesem Uhrturm vor drei Fahnenmasten eine Rednertribüne, die durch eine Wendeltreppe zu erreichen ist, befindet, ist nur durch eine etwas weniger zwangsläufige Funktion zu erklären: von hier hätte Mussolini oder sein örtlicher Stellvertreter zu einem faschistischen Aufmarsch sprechen können.

MercatoCopertoTriesteRednertribüne

Denn diese Markthalle wurde zwischen 1936 und 1938 erbaut. Sie ist ein Produkt der Architektur des italienischen Faschismus und zeigt auf allerdeutlichste Weise, wieso man diese von faschistischer Architektur unterscheiden muß. Faschistische Architektur, das ist die menschenfeindliche Monumentalität, das ist der ins Monströse gesteigerte Neoklassizismus, das sind die blanken Marmorarkaden und die drohenden Adlerskulpturen. Nichts, keine kleinste Spur von alledem findet sich beim Mercato Coperto in Triest. Er ist ein in jeder Hinsicht menschliches, funktionales, fortschrittliches Gebäude, ein Maßstäbe setzendes Meisterwerk der Architektur seiner Zeit, das heute noch so vollendet wirkt wie damals.

Daß solche Architektur im Faschismus entstehen konnte, schmälert deren Wert so wenig wie es diesen weniger menschenfeindlich macht. Es erinnert nur wieder daran, daß gute Architektur in schlechten Gesellschaften entstehen kann und umgekehrt schlechte Architektur in guten Gesellschaften.