Die Stadt ist eine Frau

The city is woman – Eine neue Stadt kennenzulernen ist wie eine neue Frau kennenzulernen.

Illustration von Heinz Ebel aus Höchel, Lothar u. Sell, Rüdiger (Hrsg.): Liederbuch für die Klassen 5 bis 10, Berlin 1989

Illustration von Heinz Ebel aus Höchel, Lothar u. Sell, Rüdiger (Hrsg.): Liederbuch für die Klassen 5 bis 10, Berlin 1989

Zuerst ist alles neu, aufregend, aber auch ein wenig furchteinflößend. Jede Bewegung ist ein Tasten, nichts ist selbstverständlich, alles ist eine Entdeckung. Langsam oder schnell kommt man ihr näher, lernt, was sie von allen anderen unterscheidet und mit ihnen verbindet. Die eine ist einfach und klar, die andere kompliziert und verwinkelt. Ihre Schönheit oder Häßlichkeit und all die Abstufungen dazwischen liegen nun offen da. Man vergleicht, ordnet ein oder läßt sich bezaubern, vielleicht überwältigen. Nach und nach werden die Wege vertrauter, man fühlt sich sicherer auf ihnen, bald schon werden sie selbstverständlich. Man begreift nun größere Zusammenhänge, entdeckt Dinge, die einem mehr, und Dinge, die einem weniger gefallen. Die Ansammlung von Einzelheiten wird zu einem Ganzen. Noch ist das Gefühl des Neuen nicht verflogen, aber es ist nicht mehr alles. Vielleicht macht man sie für eine Weile zu seinem Zuhause. Nun teilt man Geheimnisse mit ihr, die man am Anfang nie erahnt hätte, aber zugleich tritt der Alltag in den Weg aller Eindrücke. Im schlimmsten Fall hört man auf, sie wirklich zu sehen, sie wird Teil von einem und kein unbedingt interessanter. Wenn man kann, sollte man weiterziehen, um andere, aber auch sie, neu zu erleben. Vielleicht aber findet man eine, die ganz so ist, wie man sich das immer gewünscht hätte, bei der vom ersten tastenden Eindruck bis zum letzten Geheimnis alles zu einem paßt. In ihr sollte man dann bleiben. Doch bei Städten wie bei Frauen erliege man nie der verhängnisvollen Versuchung der Monogamie.

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