Venedig mit dem Auto

Mit dem Auto nach Venedig zu fahren, heißt in ein Parkhaus zu fahren. Dieses Parkhaus steht an der Piazzale Roma, die entgegen ihrem Namen kein Platz, sondern ein großer Busbahnhof ist. Obwohl das Parkhaus ganz wie die Autobrücke, mit der man es erreicht, ein Projekt des italienischen Faschismus ist, hat es mit ihr wenig gemein. Wo sie ihre zeitgemäße Konstruktion hinter historistischen Formen versteckt, ist es in seiner Sachlichkeit so etwas wie der Inbegriff eines Parkhauses. Trotz seiner Größe tut es nichts, um Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, es ist ganz ein bescheidener Diener der berühmten Stadt.

ParkhausVenedig

Sechs Geschosse ist es hoch und hat als Grundriß in etwa ein langgestrecktes Rechteck. Es besteht ganz aus weißen Brüstungsbändern und Fensterbändern, die nach dem zweiten Geschoß auch die Ecken, wo aber doch die tragenden Pfeiler erkennbar sind, umlaufen.

ParkhausVenedigFenster

In der Mitte der Schmalseite sind die Fensterbänder unterbrochen von einer weißen Putzfläche, in der sich eine von drei vertikalen Streben gegliederte Fensterfläche leicht nach vorne wölbt.

ParkhausVenedigMitte

Wegen dieses Mittelteils merkt man kaum, daß die beiden Seiten zwar gleich viele Geschosse haben, aber, aufgrund des höheren Erdgeschosses des linken Teils, nicht gleich hoch sind.

Das Innere ist an diesem Äußeren schon fast abzulesen: Parkebenen mit spiralförmigen Auffahrten an beiden Seiten.

ParkhausVenedigAuffahrt

Bloß, daß in der Mitte nur im Erdgeschoß in einer teils verglasten Halle Parkplätze sind

ParkhausVenedigHalle

und darüber ein breiter Schacht das Parkhaus der Länge nach in zwei Teile spaltet, ahnt man nicht.

ParkhausVenedigSchacht

Nur die beiden Auffahrten, Brückentrakte neben dem Treppenhaus

ParkhausVendigGang

und ganz oben eine schräge Rampe verbinden diese beiden Teile, die beinahe zwei verschiedene Gebäude sind und auch in zeitlichem Abstand zueinander gebaut wurden.

Alles an dem Parkhaus ist funktional. Auch die Fenster, die ein Parkhaus heute nicht mehr bräuchte, waren aus Belüftungsgründen unbedingt notwendig. Doch sie haben eine zweite Funktion: sie erlauben schon ab dem dritten, vierten Geschoß spektakuläre Blicke über die Stadt.

ParkhausVenedigAussicht

Noch bevor man wirklich in Venedig ist, stellt das Parkhaus es einem vor. Auf den Dächern dann erreicht diese Funktion ihren Höhepunkt.

ParkhausVenedigDachAussicht

Von hier sieht man Venedig wie von nirgends sonst. Neben den runden Abschlüssen der Auffahrten erstreckt sich das Häusermeer, aus dem bloß Kirchtürme und Kuppeln aufragen. Der weiße Pfeil auf dem Boden weißt zum Markusplatz, den kein Auto je erreichen wird.

ParkhausVenedigSanMarco

Und man sieht sogar noch mehr als nur Venedig. Man sieht gleichsam darüber hinaus, man sieht, daß es eine Insel ist. Auf der anderen Seite sind der Hafen, die Brücken für die Züge und Autos, die die Verbindung zum Festland darstellen, das Festland selbst, eine Silhouette aus den Hafenanlagen von Marghera und den Wohnhochhäusern von Mestre, und in der Ferne die Alpen.

ParkhausVenedigAussichtBrücke

Wenn in den Gassen von Venedig schon lange Nacht ist, kann man dort noch letztes rotes Leuchten sehen.

Es gibt keinen besonderen Grund, wieso gerade den Autos dieser einmalige Blick vorbehalten sein sollte, ja, er ist an sie eher verschwendet. Das funktionale Gebäude sollte eine andere Funktion erfüllen, es sollte ein öffentlicher Ort hoch über der Stadt sein, eine wahre Piazzale Roma, von der sich ein jeder, nicht nur der, der zufällig mit dem Auto kommt, ein neues Bild der Stadt machen kann.

ParkhausVenedigDach

Das Parkhaus von Venedig ist also vor allem eine Anregung dafür, wie fortschrittliche Architektur das Alte auf selbstbewußte, aber respektvolle Weise ergänzen könnte. So, wie es ist, ist es viel, aber es könnte potentiell nicht weniger als Dogenpalast und Markusplatz einer neuen Zeit sein.

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2 Gedanken zu „Venedig mit dem Auto

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