Das menschliche Maß in Wien

Das menschliche Maß ist ein entscheidendes Kriterium für die Beurteilung von Architektur. Was darunter zu verstehen ist, läßt sich jedoch oft schwer erklären. Daher seien an dieser Stelle in loser Folge einige Beispiele aufgeführt. Siehe auch Das menschliche Maß in Padua.

Am Donaukanal in Wien, Im dritten Bezirk, aber nicht weit von Ringstraße und Schwedenplatz, steht das Hochhaus des Rechnungshofes und der Bundesimmobiliengesellschaft (BIG).

RechnungshofBIG

Wiewohl es sich um eine bauliche Einheit handelt, könnte man auch von drei Hochhäusern reden, da die beiden Trakte der BIG später an beide Seiten des Rechnungshofhochhauses angefügt wurden. Beide Gebäudeteile haben dieselbe Funktion, die staatliche oder halbstaatliche Verwaltung, und man kann annehmen, daß auch ihr innerer Aufbau ähnlich ist. Völlig verschieden aber ist die architektonische Absicht, mit der sie sich der Stadt, dem Menschen zuwenden.

Es ist dabei nicht einmal entscheidend, daß sie völlig verschieden aussehen. Der Rechnungshof ist ein Bau der Siebziger. Seine Fassade ist ganz mit vertikalen Metallplatten, die meist dunkelbraun, im richtigen Licht aber viel heller, manchmal golden, wirken, verkleidet. Die Fenster mit vorgesetztem und nach oben schräg vorstehendem Rahmen sind darauf frei angeordnet, so daß sie mal einzeln, mal in Gruppen von bis zu sechs vorkommen. Der Bau der BIG ist aus den späten Achtzigern, frühen Neunzigern. Seine Fassade hat entweder eine graue Steinverkleidung mit einzelnen Fenstern oder verspiegelte Flächen mit Fensterbändern, die von roten Streben vertikal strukturiert sind. In beiden Fällen ist die Fassadengestaltung somit recht beliebig, ohne Zusammenhang mit der Funktion.

Die eigentlichen Unterschiede erkennt man, wenn man die Proportionen der Gebäude betrachtet. Das Rechnungshofgebäude hat einen Sockelbereich aus einem hinter Kolonnaden leicht zurückgesetzten Erdgeschoß und einem dadurch freischwebend wirkendem zweiten Geschoß. Darüber ist eine Terrassenebene und erst zurückgesetzt beginnen die eigentlichen Bürogeschosse, wobei der Unterschied zwischen diesen und dem Sockel noch einmal dadurch betont ist, daß sie über dem dritten Geschoß leicht überstehen. So wird die Vertikalität, die das Gebäude ob seiner Höhe hat, abgemildert, der Sockelbereich schafft eine Art Pufferzone zwischen dem Betrachter und den höchsten Gebäudeteilen. Das BIG-Gebäude hat einen Sockelbereich aus zwei Geschosse hohen Kolonnaden und einem weiteren steinverkleideten Geschoß, darüber die vertikal gegliederten verspiegelten Geschosse und abschließend beim der Innenstadt zugewandten Teil einen klaren Abschluß in einem rundbögigen verspiegelten Dachaufbau.

BIGFassade

So wird die Vertikalität des Gebäudes mit allen Mitteln betont, der Sockelbereich dient dazu, den Blick des Betrachters in die Höhe zu zwingen.

Bezeichnend ist der Vergleich der Kolonnaden, die man direkt nebeneinander hat:

RechnungshofBIGKolonnaden

Beim Rechnungshofgebäude sind sie bescheiden und niedrig, sie dienen dazu, den Passanten vorm Regen zu schützen und setzen sich in einem Durchgang, der auch Parkhauseinfahrt ist, ebenso funktional fort. Beim BIG-Gebäude dagegen sind sie monumental und hoch, eine Funktion haben sie nicht, da sie an der Gebäudeecke unterbrochen sind. Blickt man an beiden Gebäuden hinauf, merkt man zudem, daß auch die Fassadengestaltung nicht völlig egal ist:

RechnungshofBIGBlickNachOben

Beim BIG-Gebäude sieht man hoch oben vertikale Linien, beim Rechnungshof aber ein vielfältig bewegtes Muster aus Fenstern.

Was die beiden Gebäude unterscheidet, ist das menschliche Maß. Das eine will dem Menschen ermöglichen, sich selbst mit seiner Größe in Bezug zu setzen und so selbst größer zu werden, das andere will den Menschen mit seiner Größe erschlagen und ihn kleiner machen. Das eine hat menschliches Maß, das andere nicht. Dabei ist wohlgemerkt nicht so wichtig, wie groß die Gebäude sind – der Rechnungshof ist höher –, sondern vielmehr, wie sie mit ihrer Größe umgehen.

RechnungshofBIGSonnenuntergang

Auch sonst ist das Rechnungshofgebäude fortschrittlicher. Zum einen sein Bezug zur Stadt: Es stand frei auf der Terrasse des Sockels, ein dreifach abgestufter Trakt am Ufer, ein Quertrakt vom Ufer weg, und ließ viel Platz um sich, die seiner Umgebung Blicke und Licht boten. Dann kam die BIG und zwängte es ein, indem es zur einen Seite an die überkommene Blockrandbebauung anschloß und zur anderen Seite eine Front von protziger Monumentalität setzte. Zum anderen seine Formen: Es ist ein selbstbewußter, wenn auch in keiner Hinsicht herausragender Ausdruck seiner Zeit. Das Gebäude der BIG hingegen nimmt mit monumentalem Sockel, unauffälligem Mittelteil und klarem Abschluß die Fassadenaufteilung überkommener Architektur auf, wobei es noch näher mit reaktionärer Architektur der dreißiger Jahre verwandt ist. Neben einer perfekten Illustration dessen, was menschliches Maß bedeutet, sieht man hier also auch einen Kampf zwischen guter und schlechter Architektur.

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