Prato della Valle

Ist der Prato della Valle in Padua ein Platz? Vielleicht, aber er ist ganz gewiß kein typischer Platz. Ein typischer Platz ist bestimmt von den mehr oder weniger markanten Gebäuden, die ihn umgeben und von seinen mannigfaltigen Beziehungen zur Stadt, für die er ein Zentrum, ein Kulminationspunkt ist. Nun ist der Prato della Valle durchaus umgeben von Gebäuden, darunter auch markanten wie dem neogotischen Palast Loggia Amulea,

PratoDellaValleLoggiaAmuleaPadova

der romanisch-gotischen Kirche Santa Giustina

PratoDellaValleSantaGiustinaPadova

und dem historistischen Eingangsbau des ehemaligen Viehmarkts.

ForoBoarioPadova

Auch hat er durchaus viele Beziehungen zur Stadt. Aber der von den Gebäuden umgebene Raum ist zu groß und vage, um allein schon einen Platz zu schaffen, und die Straßen, die die Verbindung zur Stadt bilden, sind geradezu versteckt. Schon der Name, übersetzt Talwiese, deutet auf einen nichtstädtischen Ursprung hin.

Der Prato della Valle besteht aus einem ovalen Wassergraben, zwei Wegen, die ihn auf vier Brücken überqueren, und einer runden Fläche mit rundem Brunnen im Kreuzungspunkt der Wege.

PratoDellaValleKanalPadova

Beidseits des Wassergrabens stehen in sich in regelmäßigen Abständen runde Sockel mit Skulpturen gegenüber, während die Brücken an den Enden des Ovals ebenfalls von Skulpturen auf eckigen Sockeln flankiert sind,

PratoDellaValleBrückeSkulpturenPadova

die an den Seiten aber von schlanken Obelisken.

PratoDellaValleObeliskePadova

Dazu kommen auf den Rasenflächen im Inneren entlang der Wege noch Bäume und Sockel mit Amphoren und um die runde Fläche steinerne Bänke. Der Prato della Valle ist somit im wahrsten Sinne des Wortes eine Insel in der Stadt. Er ist völlig losgelöst von den umgebenden Gebäuden, ja, von der Stadt selbst. Sie bilden für ihn nur einen Hintergrund, zu dem er in keiner notwendigen Beziehung steht und den er in keiner Weise berücksichtigt, so daß er austauschbar wird. Der Prato della Valle ist ortlos. Normalerweise wäre das das Schlimmste, was von einem Platz gesagt werden kann, aber dem Prato della Valle gelingt es, aus sich selbst heraus ein so starker und gelungener Ort zu sein, daß er seine Ortlosigkeit ausgleichen kann. War er früher eine amorphe Wiese, so machte ihn der Barock mit seinem Gefühl für Landschaft zu dem, was er heute ist, und es ist unwichtig, ob das ein Platz ist.

Trotz seiner streng symmetrischen Anlage ist der Prato della Valle ein völlig demokratischer Ort. Sein Mittelpunkt, der eigentliche Platz oder ein Platz im Platz, ist ganz dem menschlichen Beisammensein vorbehalten, während die Skulpturen den Rand einnehmen. Auch zeigen diese nicht etwa Heilige, sondern Staatsmänner, Päpste, Wissenschaftler, Künstler. Jede von ihnen ist grundsätzlich gleich wichtig, obwohl die bei den Brücken zwangsläufig hervorgehoben sind. Sie bieten dem Spaziergänger eine Galerie nicht nur der italienischen Geschichte. Er kann sich Stunden mit ihnen beschäftigen und viele weitere mit den Biographien der Dargestellten. Das vielleicht netteste Detail ist, daß dem Kriegsherrn Oberto Pallavicino ein Vogel auf dem Kopf sitzt,

ObertoPallavicinoPratoDellaVallePadova

was ganz ohne Zweifel ein Kommentar des Bildhauers zum Schicksal aller öffentlichen Skulpturen ist.

SkulpturTaubePratoDellaVallePadova

Der Prato della Valle ist also vielleicht kein Platz in Padua, es hat vielleicht mit der Stadt nicht mehr zu tun, als es ein 1775 dort gelandetes Raumschiff hätte, aber er ist, wie es ein solches wäre, mehr: ein Entwurf für etwas Neues, der alten Stadt radikal Entgegengesetztes. Und zugleich gibt er in seiner losgelösten Ortlosigkeit der Stadt mehr als es ein typischer Platz täte: eine großzügige, wohlgeordnete Insel der Ruhe inmitten ihres Trubels, ihres Chaos‘ und ihrer Enge. Obwohl er keiner ist, funktioniert der Prato della Valle für Padua wie ein Park.

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Ein Gedanke zu „Prato della Valle

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