Das Parkhaus in der Kirche

Betrachtete man dieses Gebäude in Vicenza von vorne, würde man es nicht besonders bemerkenswert finden.

AutorimessaSanBiagioVicenzaFassade

Rechts ein dünnes Vordach mit abgerundeten Ecken, ein Flachbau und im zweiten Geschoß eine quadratische Öffnung, links eine eher flache Rampe, die zu einer der Öffnung entsprechenden Einfahrt im zweiten Geschoß führt, in der Mitte die Einfahrt ins Erdgeschoß. Die Fassade endet über dem ersten Geschoß mit einem Giebel, der mit zwei niedrigeren rechteckigen Feldern um ein höheres die Formen der Einfahrten aufgreift. Rechts ragt aus dem Giebel ein dünner quadratischer Schornstein, der mit horizontalen Lamellen endet, auf, und ganz in der Mitte steht in roten Buchstaben, worum es sich bei dem Gebäude eigentlich handelt: „Autorimessa“ (ein älteres Wort für Parkhaus). Ein simpler Bau, hübsch und unauffällig, entstanden wohl 1928, aber auch zwanzig Jahre später überall noch gut denkbar.

Doch man kann dieses Gebäude nie zuerst von vorne betrachten, da man dazu in den offenen Hinterhof eines Mietshauses gehen muß. Zuerst sieht man daher weniger die Fassade als die Seite.

AutorimessaSanBiagioVicenzaSeite

Diese besteht aus rotem Backstein, zwischen dem auch einige Natursteine sind, und ist eine langgestreckte Abfolge von schrägen Pfeilern und Rundbögen, zwischen denen sich einige vertikale Fenster öffnen. Sind hinter den Fenstern auch die Autos der Autorimessa zu sehen, es ist ganz klar: Das ist eine Kirche. Die offenen, efeubewachsenen Reste eines Turms, die dahinter aufragen, zerstreuen die letzten Zweifel. Dieses schlichte Parkhaus benutzt für seine Funktion also gleichsam parasitär ein älteres Gebäude deutlich anderes Funktion. Es handelt sich um die Kirche des Klosters San Biagio (Heiliger Blasius), das 1797 von den französischen Revolutionstruppen in eine Kaserne umgewandelt wurde und später lange als Gefängnis diente. Die Kirche selbst wurde zum Stall, so daß die heutige Funktion geradezu eine logische Fortsetzung ist.

Die neue Fassade nun könnte man als Versuch des Gebäudes, seine kirchliche Herkunft zu verschleiern, verstehen, doch das wäre falsch. Neue Fassaden vor alte Gebäude zu setzen hat vielmehr eine lange Tradition in der Kirchenarchitektur. Barockfassaden vor gotischen Gebäuden etwa findet man dutzendfach, in Vicenza und anderswo. Ganz wie bei der modernen Fassade des Parkhauses ging es dabei darum, alte Gebäude neuen Moden anzupassen. Hier wurde also auf säkulare Weise eine Tradition fortgeführt, die die gänzlich reaktionär und geschmacklos gewordene Kirche aufgegeben hatte. Der Unterschied ist, daß früher, egal wie die Fassade nun gerade aussah, die Funktion unverändert blieb. In dieser Hinsicht ging die Autorimessa von Vicenza einen, ziemlich sympathischen, Schritt weiter.

AutorimessaSanBiagioVicenzaFluß

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