Erkundungen auf Friedhöfen: Einsame Gräber in Döbling

Die traurigsten, aber oft auch die interessantesten Gräber sind die, in denen nur eine Person bestattet ist. Auf dem Friedhof Döbling in Wien findet man zwei solcher einsamen Gräber, die auf je ganz verschiedene Art auffällig sind.

Das eine ist das Grab von Engelbert Mühlbacher (1843 – 1903), das weithin sichtbar über niedrigeren Gräbern aufragt.

EngelbertMuehlbacherFriedhofDöbling

Eine dicke romanische Säule, in deren Kapitell eine Eule und ein Kreuz sind, trägt eine noch darüber hinausragende Fläche, auf der ein Löwe über einem getöteten Drachen steht. Die Formen der Skulpturen wie der Säule sind reduziert, Jugendstil, vielleicht nicht schlecht. Aber wenn man vor dem Grab steht und den Namen liest, steht der Löwe nur drohend über einem und man fühlt sich, als ob man gleich das Schicksal des Drachen teilen werde.

EngelbertMuehlbacherFriedhofDöblingDetail

Man denkt unweigerlich: Wer noch im Tod so einschüchternd und brutal auftritt, kann kein angenehmer Mensch gewesen sein und es überrascht nicht, daß er einsam starb. Das ist vielleicht ungerecht. Mühlbacher, der als Historiker des Frankenreiches einige Bedeutung hat, konnte als geweihter Priester nicht heiraten und die einschüchternde Größe und Symbolik des Grabs hat er sich vielleicht nicht selbst ausgesucht.

Das zweite ist das Grab von Edith Rodling von Amann.

EdithRodlingVonAmannFriedhofDöbling

Auf einem grauen Sockel mit nicht mehr als dem Namen und den Daten des kurzen Lebens (1896 – 1923) steht eine Skulptur aus schwarzem Stein. Auf einem fast rohen Quader sitzt strahlend glatt eine nackte junge Frau. Das rechte Bein herabhängend, das linke darunter geschlagen, der Körper leicht vorgebeugt, die rechte Hand aufgestützt, die linke über der Brust, die Augen geschlossen, so daß sich die Stirn leicht runzelt und das Gesicht streng, konzentriert wirkt, Bubikopf. Ein schnörkelloses realistisches Werk, das nicht mehr zeigt als eben den nackten Körper einer normalen Frau, der einzig durch die unfassbare schwarze Glätte des Steins idealisiert wird.

Irgendwie spürt man: Es ist Edith Rodling von Amann selbst, die da steinern auf ihrem Grab sitzt. So zeigt die Skulptur nicht nur einen Körper, sie läßt auch eine Geschichte ahnen. Reiche adlige Muse, Wiener Bohèmeleben in der Nachkriegszeit, ein unnatürlicher Tod – alles könnte da sein, Stoff für einen Roman. Laut den spärlichen leicht zugänglichen Informationen war Edith von Amann seit 1916 mit dem schwedischen Ingenieur und Industriellen Ejnar Rodling verheiratet. Die Skulptur fertigte die schwedische Bildhauerin Ida Thoresen, die auch in Rom und Paris Ateliers hatte, schon im Jahre 1919. All das paßt gut zu dem, was schon die Skulptur ahnen läßt, zu einem Leben.

Anders als Engelbert Mühlbacher hat Edith Rodling von Amann vielleicht nie etwas Bleibendes geschaffen, aber dafür hatte sie dieses Leben, von dem man annehmen darf, daß es es wert war, gelebt zu werden. Und während von ihm auf dem Friedhof Döbling nur die böse Skulptur auf der Säule bleibt, ist sie dank der gewagten und bewundernswerten Entscheidung, ihre Aktskulptur für ihr Grab zu verwenden, noch heute das Lebendigste dort.

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