Archiv für den Monat Februar 2015

Karl-Wrba-Hof oder Ein Irrtum

Der Karl-Wrba-Hof im 10. Bezirk beruht auf einem Irrtum. Am Südhang des Wienerbergs gelegen und von den ausgedehnten Mietskasernengegenden des Arbeiterbezirks Favoriten durch Industrie, die fatalerweise die Hügelkuppe einnimmt, getrennt, besteht er grundsätzlich aus drei langgestreckten, untereinander am Hang angeordneten Höfen, die sich nach Süden öffnen.

Karl-Wrba-Hof1

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Die Gebäudeteile, die diese Höfe umschließen, sind bis zu zwölf Geschosse hoch und haben durch vielerlei Vor- und Rücksprünge mit Balkonen eine sehr bewegte, aber durch orangebraune Verkleidung doch einheitliche Gestalt.

Karl-Wrba-Hof2

Die Bewegtheit dieser höheren Teile setzt sich in niedrigeren, bis zu viergeschossigen Gebäudeteilen fort, die jeweils die westliche Hälfte der Höfe einnehmen. Im Gegensatz zur offeneren, wenn auch wenig grünen oder großzügigen östlichen Hälfte, zieht sich die Bebauung hier als ein System schmaler, zwischen Eingängen und aufgestützten Bauteilen verlaufender Gassen, die sich manchmal zu kleinen quadratischen Höfen mit Sitzgelegenheiten und Bäumen öffnen, den Hang hinab. Offenkundig sind hier größere Wohnungen, verschachtelt neben- und aufeinander gestapelte Reihenhäuser mit kleinen Gärten oder Dachterrassen eigentlich.

Karl-Wrba-HofEng

Offenkundig ist auch, wovon dieser große Gemeindebau, errichtet in den Jahren 1978 bis 1982, inspiriert ist: von mediterranen Kleinstädten oder Dörfern mit verschachtelt in den Hang gesetzten Häuschen, kleinen Gassen und malerischen Piazzas.

Karl-Wrba-HofHäuser

Kein Zweifel, daß es sich hierbei um einen Versuch handelt, auf die Kritik an früheren fortschrittlichen Wohnanlagen, sie seien unpersönlich und verhinderten die Entstehung von Gemeinschaftsgefühl, zu antworten. Es ist ein Versuch, der Respekt verdient, denn immerhin geschieht er aus einer selbstbewußten, das Neue wollenden Haltung, während ein paar Jahre später die Blockrandbebauung der „europäischen Stadt“, in der es keinen öffentlichen Raum außer den Straßen und, vielleicht, winzigen Plätzen gibt, für alleinseligmachend erklärt wurde.

Allein diese Antwort beruht auf einem Irrtum. Sie ist geprägt von einer Überschätzung der Architektur, der Berufskrankheit der Architekten. Das architektonische Bild und die städtische Struktur der mediterranen Städte werden als Grund für das behauptete funktionierende Sozialleben in diesen betrachtet, während sie in Wirklichkeit durch eine Reihe klimatischer und bautechnischer Faktoren entstanden und das Sozialleben sich unabhängig von ihnen entwickelte. Man braucht bloß einmal durch die Hügel von jugoslawischen Mittelmeerstädten wie Rijeka zu gehen, um zu sehen, daß mediterranes Leben zwischen dreißiggeschossigen Wohnhochhäusern so gut möglich ist wie in engen Gassen. Und eine in Favoriten nachgeahmte Piazza ist eben keine Piazza, nicht zuletzt, weil ihr dazu die Restaurants, Cafés und Bars fehlen. Die aber will kaum einer gerne vor seinem Schlafzimmerfenster haben.

Karl-Wrba-HofPiazza

Die Trennung der Funktionen ist eben nicht, wie das die architektonische Reaktion, die Freunde der „europäischen Stadt“, gerne behaupten, eine böse Erfindung von Le Corbusier, sondern eine selbstverständliche Notwendigkeit. So wie nur wenig gerne Industrie im Hinterhof haben, haben auch nur wenige gerne Kneipen vor dem Haus. In angemessener Entfernung und gut erreichbar, das eine für die Arbeit, das andere für die Freizeit, hat sie allerdings jeder gern. Das ist die Trennung der Funktionen und die zu organisieren ist die Aufgabe der Architektur.

Dazu eignen sich am besten Räume, die möglichst offen und großzügig sind und dem Menschen möglichst viele Möglichkeiten öffnen. Nicht eine Architektur wie die das Karl-Wrba-Hofs, die den Menschen zum Sozialleben zwingen will und dabei letztlich leider nur Enge schafft, sondern eine, die ihm Räume für Sozialleben in geeigneter Entfernung und in guter Verbindung zur Wohnung zur Verfügung stellt, ist also vonnöten. Ein schönes Wiener Beispiel aus derselben Zeit ist der Heinz Nittel-Hof. Diese Räume können durchaus Plätze sein, die aber ihr Leben nicht durch die Imitation anderer Plätze, sondern aus eigener Kraft bekommen müssen, oder auch Parks, in denen dann auch Weiden stehen können (tschechisch „vrba“ heißt Weide).

Ob diese Räume funktionieren, hängt aber immer am stärksten von gesellschaftlichen Faktoren ab. Architektur kann, wenn sie nicht zu viel will, bloß einen kleinen Beitrag dazu leisten.

Tschechoslowakische Bahnhöfe: Bohumín

Von außen ist der Bahnhof von Bohumín, einer Stadt im tschechischen Teil Schlesiens unweit der polnischen Grenze, ein recht typischer später k.u.k.-Bau. Der irgendwo zwischen Historismus und Jugendstil schwankende Prunk tritt zugunsten eines klar ablesbaren Baukörpers schon fast in den Hintergrund.

NádražíBohumín

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Quer zu den Gleisen drei zweigeschossige Bauteile mit Satteldach und dreieckigen Giebeln, die durch an den Seiten niedrigere und in der Mitte höhere und verglaste flache Bauteile verbunden sind. Der mittlere Bauteil, wo der Eingang ist, wird durch ein schmiedeeisernes Vordach und etwas mehr Jugendstilornamentik nur leicht hervorgehoben.

Im Inneren ist der Bahnhof dann ein Zwitter.

NádražíBohumínHalle

Der obere Teil der Halle paßt ganz zum Äußeren: Pilaster, Kassettendecke, renovierte Stuckverzierungen, die meist ein geflügeltes Rad zeigen. Der untere Teil aber ist aus der sozialistischen Tschechoslowakei. Auf dem Boden dunkelgrauer, an den Wänden ockerfarbener glatter Stein. Gleichsam als Trennung zwischen Alt und Neu verläuft am oberen Rand der Steinverkleidung eine Leiste aus bronzefarbenem Metall, hinter der Lampen angebracht sind. Die Einfassungen der Schalter und die Türen sind aus entsprechendem Metall und ihr Glas ist teilweise dunkel getönt. Die Hinweisschilder sind, wie es zum Corporate Design der ČSD (Československé státní dráhy, Tschechoslowakischen Staatsbahnen) gehört, blaue Quadrate mit abgerundeten Ecken, auf denen weiß die verschiedenen Symbole sind.

NádražíBohumínEingangWartehalle

Im hinteren Teil der Halle zweigen links und rechts zwei kleinere langgezogene Wartehallen ab, die durch Glasflächen und Türen von ihr separiert sind. In der Mitte von ihnen sind die Bänke aus dunklem Holz und Metall, an den Seiten sind das ehemalige Bahnhofsrestaurant, die ehemalige Gepäckaufgabe, Kneipen und Läden.

NádražíBohumínWartehalle

Der obere Teil dieser Hallen besteht aus kahlen weißen Putzflächen und den Fenstern, die man schon von außen gesehen hatte. Einziger Schmuck ist eine Uhr an der Schmalseite, die nur aus Zeigern, Strichen für die Stunden und einer 2, die den obersten Strich zur 12 macht, besteht.

NádražíBohumínUhrWartehalle

Am Ende der Bahnhofshalle stehen halb hinter und gleichsam in Konkurrenz zu zwei Pfeilern hohe flache Stelen mit Metallfassung, auf denen die Ankunfts- und Abfahrtzeiten zu lesen sind, rechts drei für erstere, links drei für letztere. Sie stehen leicht versetzt und bekommen, wiewohl völlig zweckgebunden, etwas unerwartet Spielerisches.

NádražíBohumínStelen

Das wird unterstrichen noch von der Brüstung dahinter, die eine Art unregelmäßiges Gitter aus Quaderelementen aus grauem glatten Stein ist. Dahinter ist die Unterführung zu den Bahnsteigen, zu der links und rechts Treppen hinabführen.

So wird durch eigentlich nur kleine Eingriffe der Charakter des Bahnhofs völlig verändert. Er wird aus der k.u.k Monarchie in den Sozialismus aufgehoben. Und wie als Verbindung zum Fortschrittlichsten der alten österreichischen Architektur stehen auf den Bahnsteigen um die Treppenöffnungen Stadtbahngeländer.

NádražíBohumínStadtbahngeländer

Oblatenkloster Wien

Vor einer Weile ging es hier um ein Gebäude, das jeder schon gesehen hat und kaum einer bemerkt: ein leicht erhöhtes zurückgesetztes Erdgeschoß und darüber ein Obergeschoß mit durchgängigem Fensterband zwischen zwei Brüstungsbändern aus Beton.

Samson3

Samson Meß- und Regeltechnik

So wurden, hieß es da, in den späten Sechzigern und frühen Siebzigern alle kleineren Büro- und Fertigungsgebäude errichtet.

Auch das Gebäude, das nun vorgestellt werden soll, gehört zu diesem Typ.

OblatenklosterWien

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Es befindet sich in der Auhofstraße, gar nicht so weit von Samson Meß- und Regeltechnik, weiter stadtauswärts abseits der U4. Man könnte leicht an ihm vorbeigehen wie an tausend anderen. Noch nachdem man gelesen hat, was über dem Eingang steht, „Oblatenkloster“, will man kaum glauben, daß es sich hier um kein Büro- oder Fertigungsgebäude handelt. Doch dann scheint es nur konsequent, einer Filiale eines bekannten multinationalen Unternehmens wie der katholischen Kirche so zu bauen.

Das Gebäude ist mit dem obigen eigentlich auch schon beschrieben. Jedes religiöse Architekturmotiv fehlt, nicht einmal ein Kreuz gibt es. Vorm Erdgeschoß sind zwei Treppen. Eine ist links brückenartig vorgesetzt und führt zu zwei Wohnungen.

OblatenklosterWienTreppe

Die zweite ist etwa in der Mitte und führt breit auf die Bronzetüren des Eingangs zu.

OblatenklosterWienEingang

Links des Eingangs ist das Treppenhaus, das aus zwei halbkreisförmig vorgewölbten Teilen besteht, die auch noch über das Obergeschoß hinausragen, ohne annähernd ein Turm zu sein. Das Fensterband ist hier unterbrochen, aber die Streifen aus weißem Beton sind schwebend fortgesetzt. Über dem Eingang und rechts von ihm ist im Obergeschoß statt Fenstern ein Bild aus Glas und Beton, in dem man Kreisformen und drei Figuren erkennen kann. Einzig dies erinnert an Kirchenbauten der Zeit, bleibt aber völlig der strengen Struktur des Gebäudes untergeordnet.

Damit ist das Oblatenkloster das seltene Beispiel einer religiösen Architektur, die keinerlei Außenwirkung will. Es will kaum auch nur betonen, daß es ein Wohnbau ist. Es versteckt sich, zeigt aber doch alles, was nötig: Eingänge, Treppenhaus, das Bildfenster vor der Kapelle. Nur den Eingeweihten ist die Gartenseite, die sich einem langgezogen den Hang hinaufführenden Grundstück zuwendet, vorbehalten. Und gerade ob dieser Schlichtheit, gerade weil es sich gar nicht bemüht, anders als all die Samson Meß- und Regeltechnik der Welt auszusehen, ist das Oblatenkloster vielleicht der interessanteste Sakralbau seiner Zeit in Wien.