Platz mit Goldplakette

Ganz am Ende von Frankfurt, auf dem Sachsenhäuser Berg, wo die Darmstädter Landstraße nach Süden aus der Stadt führt, gibt es einen verlorenen kleinen Platz, ohne Namen, ohne Bedeutung, ohne Menschen. Er ist einer jener zurückhaltenden Orte, die unter anderen Umständen viel mehr sein könnten, aber sich still mit dem Wenigen begnügen, das sie sind, und denen, die sich auf sie einlassen, ihre Schönheit bereitwillig zeigen.

PlatzDarmstädterStraße

Für die Autofahrer, die auf der Darmstädter Landstraße nach Frankfurt hineinfahren, wäre er das Erste, was sie von der Stadt sehen, aber sie sehen ihn nicht. Rechts der Straße eine Betonwand und ein Flachbau mit Kachelverkleidung in Rot- und Schwarztönen, Betonstreifen unter dem Dach und verglastem Eingang in der Mitte.

DarmstädterStraßeEingang

Davor ein Fußweg, der sich leicht schräg von der Straße entfernt und von ihr mit einem Hochbeet aus Beton separiert ist. Dann der eigentliche Platz, der eine rechteckige Fläche an der Ecke Sachsenhäuser Landwehrweg einnimmt. Von der Darmstädter Landstraße trennen ihn höhere Hochbeete und ein kleiner Flachbau in der Ecke, der dem ersten gleicht. Der Platz besteht aus Wiesenflächen und Bodenplatten aus Beton, zwischen denen sich quadratisch ein Brunnen mit hellen Kieselsteinen öffnet.

BrunnenDarmstädterStraße

Statt eines Kunstwerks steht in der Wiese ein hoher Mammutbaum. Nur ihm einen Rahmen zu geben scheint der Platz zu existieren. Vorbei an diesem Baum geht der Blick auf den schlanken gotischen Rundurm der Sachsenhäuser Warte, Teil eines den eigentlichen Stadtmauern weit vorgelagerten Befestigungssystems, und den breiteren, von Fenster- und Betonbändern umlaufenen Turm des vormaligen Holiday Inn.

MammutbaumSachsenhäuserWarteHolidayInn

Auch dieses Beieinander dreier unterschiedlicher Vertikalen, Mammutbaum, Sachsenhäuser Warte und Holiday Inn, schenkt der Platz seinen Besuchern. Alte und neue Architektur und der exotische Baum, alle sind sie nur dort, weil der Mensch es so wollte, und der Platz faßt sie zu einem harmonischen Bild zusammen, als wolle er fordern, daß die Harmonie mehr als nur ein Bild werde.

Doch nicht einmal das Bild sieht jemand, Besucher hat der Platz ja keine. Wie auch? In der Nähe sind nur wenige Wohnhäuser und auch Passanten gibt es kaum. Zudem ist eine dem Lärm des Straßenverkehrs ausgesetzte Ecke eben, so sehr sich der Platz auch bemüht, kein einladender Aufenthaltsort. Und sogar wenn jemand sich dort aufhalten wollte, es fiele ihm schwer: Bänke oder andere Sitzgelegenheiten gibt es keine mehr.

Im übrigen ist der Platz nur ein glückliches Nebenprodukt. Er entstand mit einer wassertechnischen Anlage der Stadtwerke, die sich unter einer abgesperrten Wiese erstreckt und zu der der erste Flachbau der Eingang ist. Als dieser Komplex neu war, wurde er sogar wahrgenommen: Er erhielt im vierten Bundeswettbewerb Industrie im Städtebau 1977/78 eine Goldplakette. Daß es sich hier um „städtebaulich beispielhafte und umweltgerechte Einordnung und Gestaltung der Arbeitsstätten“ handelt, erkennt man auch noch immer. Doch beachtet wird das seit den späten Siebzigern wohl ebensosehr wie die Urkunde über die Verleihung der Goldplakette, die halbversteckt hinter Hydropflanzen an der weißen Kachelwand des Eingangs hängt, und die Plakette selbst, die noch versteckter daneben hängt.

UrkundeGoldplakette

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