Erkundungen auf Friedhöfen: Carl Heinz in Frankfurt

Das vielleicht schönste Grabs auf dem Frankfurter Hauptfriedhof ist das von Carl, Sophie und Philipp Carl Heinz.

Es ist ganz aus weißem Stein, sicher Marmor, und hebt sich schon dadurch von anderen Gräbern ab, ohne aber zu protzen. Auf einem grauen Steinsockel, in dem die Namen stehen, ist der eigentliche Stein.

GrabCarlHeinz

Ein Sockel mit in ganz feinem Schwung ansteigenden Seiten, auf dem ein schönes junges Mädchen sitzt. Ein Kranz in ihrem offenen Haar, ihr Blick unklar nach links gerichtet. Ihre Arme und Schultern völlig nackt und auch der Rest ihres schlanken und zarten Körpers bedeckt bloß von einem umgeschlungenen Tuch, das man sich fast scheut, ein Kleid zu nennen, so leicht scheint es ihr jeden Moment vom Körper rutschen und sie gänzlich entblößen zu wollen. Und wie atemberaubend schön es in vielen Falten um ihre Brüste, ihren Bauch und vor allem ihre nach rechts gelagerten Beine fällt. Unglaublich filigran fallen die Falten über den Sockel und neben ihren halbfreigegebenen Füßen gar noch neben dem Namen des Bildhauers über dessen schmalen Fußteil. Friedrich Christoph Hausmann heißt dieser Künstler.

Hinter dem Mädchen aber erhebt sich die Fläche des Steins, auf deren leichter Einwölbung ein feines Relief ist: rechts neben dem Mädchen eine Harfe und die Zweige eines Eichenstrauchs, in dem kleine Vögel sitzen. Oben verbreitern sich die Seiten leicht, so daß die Assoziation eines Kreuzes aufblitzt, bevor der Stein halbrund endet. Und ganz oben, ein krönender Abschluß, sitzt auf dem Stein ein weiteres Vögelchen. Links neben den Beinen des Mädchens eine Inschrift, wie sie passender nicht sein könnte: „‚Doch wenn aus dem Auge trübe mir ein Meer von Schmerzen sah, sang von Lust ich und von Liebe und vom Leben sang ich da‘ Saxen-Hausen“. Ein Grabmal, das das Leben feiert!

Wenn man will, kann man es dem Jugendstil zuordnen, aber eher als einem bestimmten Formenkanon zuzugehören, ist es von den Fesseln der Tradition völlig befreites größtes handwerkliches Können. In einem früheren Werk Hausmanns auf dem Friedhof ist das Relieffeld noch von einem dreieckigen Tempelgiebel abgeschlossen, gerade so, als trauten sich entweder Bildhauer oder Auftraggeber nicht, die enorme Lebendigkeit dieser Kunst ganz aus dem Rahmen der Tradition zu entlassen. Dazu brauchte es erst einen kongenialen Auftraggeber: die Familie des Carl Heinz.

Er starb im Jahre 1900 und der Grabstein dürfte wenig älter sein. Die spärlichen Daten über ihn ließen sich schon gut zum Bild eines Exzentrikers zusammenfügen. So gab er, was auch immer er sonst tat, gegen Ende seines Lebens einen Gedichtsband heraus und zwar unter dem Pseudonym Saxen-Hausen (nach dem Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen). Die Worte auf dem Stein sind also seine. Man kann darüber rätseln, ob seine Frau, die wenige Jahre nach ihm starb, sein Sohn, der ihn auch nicht lange überlebte, oder gar er selbst die Idee zu diesem Grabstein hatten, gewiß ist, daß sie einem Millieu mit viel Geld und viel Geschmack angehörten.

Aber so wie diese Familie austarb, führte auch die befreite handwerkliche Perfektion nur in eine Sackgasse. Der Stil von Hausmann ist für kaum etwas anderes als Idyllen geeignet und an denen, die schon damals eine Lüge waren, war schon bald kein Bedarf mehr. In gewissem Sinne ist dieses so lebensfrohe Grabmal schon der Abgesang auf eine Epoche, in der das Bürgertum unangefochten herrschte, ein kleines letztes Aufbäumen, in dem es diese Herrschaft noch einmal mit Schönheit und Menschlichkeit zu verbinden wußte. Wie ein Schritt in die Zukunft aussah, zeigte etwa zur gleichen Zeit Richard Luksch in Wien, ebenfalls auf einem Friedhof.

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