Die Brücke der Roten Armee in Wien

Seit 1956 heißt die betreffende Wiener Donaubrücke wieder nach einem Reich – wir wollen annehmen, nach dem, das Österreich seit langem nicht mehr ist und nicht nach dem, von dem die rote Armee es gegen seinen Willen befreite.

Diese Reichsbrücke, eine stählerne Kettenbrücke mit zwei hohen Pfeilern, die 1937 als Ersatz für eine ältere Brücke gebaut wurde, war einer der Prestigebauten des faschistischen Ständestaats. Sie trug erheblich zur Verbesserung der Verkehrssituation in Wien bei, um die sich der Austrofaschismus überhaupt sehr verdient machte, vielleicht einfach, weil er einsah, daß er im Wohnungsbau eh nie an die Leistungen der Sozialdemokratie herankommen würde.

Bei der Befreiung Wiens im April 1945 blieb die Reichsbrücke als einzige Donaubrücke erhalten, da die Rote Armee ihre Sprengung gemeinsam mit einheimischen Widerstandskämpfern in einer Kommandoaktion verhinderte.

ReichsbrückeGedenktafelDetail

Die Rettung durch die Sowjetarmee war für die Brücke wie eine Neuschöpfung. Vom Symbol des Faschismus wurde sie zum Symbol der Befreiung. Den Ehrennamen „Brücke der Roten Armee“ hat sie also mehr verdient als jede andere Brücke. Sie trug ihn nur zehn kurze Jahre, in der Zeit, als Österreich wenigstens formal besetzt war und die Kommunisten auf seine Teilung hoffen konnten, der die Sowjetunion jedoch leider, ganz wie im Falle Deutschlands, die Einheit und Neutralisierung vorzog.

Im Jahre 1976 stürzte die Reichsbrücke dann ein, offenbar hatte der Ständestaat nicht gar so gut gebaut. Als Ersatz entstand die heutige Brücke, ein schlankes stahlverkleidetes Betonband über dem Wasser der Donau.

Reichsbrücke

Oben fahren die Autos, im Inneren fährt die U-Bahn und an den Seiten gehen die Fußgänger. Sogar eine U-Bahnstation, die nach der in der gleichen Zeit angelegten Donauinsel heißt und sich mit Fenstern zu ihr öffnet, befindet sich darin. Diese Brücke hätte den Ehrennamen sogar noch mehr verdient, in einem anderen Österreich wäre sie betongewordene Lobpreisung der Roten Armee.

Doch in diesem Österreich ist alles, was bleibt, eine Gedenktafel.

ReichsbrückeSowjetischeGedenktafel

Eine runde Bronzeplakette darauf zeigt sowjetische Soldaten, Schiffe und Flugzeuge im Kampf um die alte Brücke und im Hintergrund die Jubiläumskirche, die das vielleicht monströseste Kirchenbauwerk der Stadt, eine elaborierte Beleidigung der Romanik, ist und deren Sprengung unbedingt wünschenswert wäre.

ReichsbrückeKirche

Dazu die Jahreszahl 1945 und die Inschriften, oben russisch, unten deutsch: „Доблестным советским гвардейцам воздушным десантникам – Влагодарные жители Вены“ – „Den heldenhaften sowjetischen Luftlandegardisten – Die dankbaren Bürger Wiens“

Doch damit niemand auf die Idee komme, zu überlegen, was es damit auf sich hat, ist sie so angebracht, daß es fast ausgeschlossen ist, sie zu finden.

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