Wiener Gebäude und die Kunst: Hände in Margareten

„Kunst am Bau“ gibt es viele und meist handelt es sich dabei um genau das, was dieses unschöne Wort aussagt: beliebige Kunst, die auf beliebige Art an einem beliebigen Bau angebracht ist. Nur selten findet man Kunst, die wirklich in einen Bezug zu dem Gebäude, das sie trägt, oder der Umgebung, der sie sich zuwendet, steht. In dieser Reihe sollen in loser Folge besonders positive oder besonders negative oder sonstwie bedeutende Beispiele von Kunst an Wiener Gebäuden dargestellt sein. Siehe auch Dampfschiffe in Aspern und Das Wien der Zukunft im Jahre 1968.

Das Gebäude in der Viktor-Christ-Gasse im 5. Bezirk, um das es geht, ist unauffällig – acht Geschosse, das obere zurückgesetzt – und sein Kunstwerk ist es auch: zwei erhobene und geöffnete Hände. Als sandsteinerne Skulpturen ragen sie aus der Fassade, direkt über dem Eingang in der Gebäudemitte, beidseits eines Fensters im zweiten Geschoß .

HändeViktor-Christ-Gasse

Vielleicht wegen des Straßennamens, vielleicht, weil sich das Gebäude mit Bienenstocklogo und den Worten „Eigentumswohnungen/Erbaut/1958“ als ÖVP-naher Anti-Gemeindebau zu erkennen gibt, und obwohl die weitere Fassade, die von horizontalen Putzbändern zwischen den Fenstern strukturiert ist, keinen Hinweis darauf gibt, meint man diese Hände als die segnend ausgebreiteten eines Christus zu erkennen und dessen unsichtbaren Körper mit dem Kopf über dem Fenster zu erahnen. So wäre dies nicht weniger als die geniale Vollendung einer jahrhundertealten Tradition katholischer Kunst. Jeder Betrachter hat den segnenden Jesus so oft gesehen, daß nunmehr nur noch seine Hände gezeigt werden müssen, damit er ganz zu sehen ist. Das ist Abstraktion im eigentlichen Sinne des Wortes, da von etwas abstrahiert, etwas weggelassen wird. Der Künstler versteht es, sich des Gebäudes selbst, seines Wechsels von Fenster- und Wandflächen, zu bedienen, um durch die simple Hinzufügung zweier Hände sein Kunstwerk zu schaffen.

Doch die religiöse Interpretation ist nur eine der möglichen. Ebensogut könnte man finden, daß es sich dort an der Fassade um erhobene Hände handelt, was heute umso passender wäre, da direkt gegenüber das Polizeikommissariat Margareten ist.

HändePolizeikommissariatMargareten

In diesem Fall wäre es ein Gebäude, das sich der Polizei ergibt. Statt um ein sakrales Kunstwerk handelte es sich um ironisches, das Themen wie Sicherheit und Macht behandelt und damit sicher auch auf dem gegenwärtigen Kunstmarkt Erfolg haben könnte. Wiederum wird mit simpelsten Mitteln die Architektur selbst zum Material der Kunst gemacht, diesmal sowohl das sich ergebende Gebäude als auch die Polizeiwache.

Ob die Aussage nun eine religiöse oder eine ironische sein sollte: was hier Ende der Fünfziger entstand, geht weit über seine Zeit und die typische öffentliche Kunst in Wien hinaus.

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Ein Gedanke zu „Wiener Gebäude und die Kunst: Hände in Margareten

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