Die Dreifaltigkeit in Lainz

Vor einiger Zeit wurde an dieser Stelle eine Darstellung der Dreifaltigkeit in Jedlersdorf beschrieben. Um genauer herauszuarbeiten, was deren Qualitäten sind, sei nunmehr eine ähnliche und zugleich völlig verschiedene Darstellung vorgestellt, die in einer Biegung der Lainzer Straße, interessanterweise in der Grünfläche vor einem Gemeindebau, steht.

DreifaltigkeitLainzGesamt

Auch hier handelt es sich um einen Gnadenstuhl – sitzender Gott, Jesus am Kreuz, Taube – auf einer Säule. Sogleich fällt auf, wie viel reicher alle Bestandteile geschmückt sind. Schon der Sockel strotzt vor Ornamenten und an der Säulenbasis und ihrem gerade noch korinthischen Kapitell blicken zu den vier Seiten kleine Puttengesichter.

DreifaltigkeitLainzSockel

Der eigentliche Gnadenstuhl ist viel plastischer und bewegter gestaltet. Gott hat beim Sitzen bloß das rechte Bein normal angewinkelt, das linke aber kompliziert nach hinten gewunden, um seine Hände fällt sein Gewand in weiten Falten und nicht in den Händen, sondern mit gespreizten Fingern hält er das Kreuz weit vor seinen Körper.

DreifaltigkeitLainzSeite

Sowohl Jesus am Kreuz als auch Gott, ja, sogar die Taube unterhalb von Jesus‘ Lendenschurz, haben die Köpfe mit ekstatischem Gesichtsausdruck zu den Seiten geneigt.

Es ist offensichtlich, daß der Lainzer Gnadenstuhl von größeren künstlerischen Fertigkeiten zeugt als der in Jedlersdorf. Alles an ihm ist komplizierter und feiner. Allein das macht ihn nicht auch zum größeren Kunstwerk. Denn dazu gehört nicht nur die handwerkliche Form, sondern auch die Angemessenheit gegenüber dem Inhalt. In Jedlersdorf unterstützt die Form den Inhalt: die drei Figuren erwachsen totempfahlartig aus einander und sind fast ein Relief.

DreifaltigkeitssäuleJedlersdorfDetail

In Lainz steht die Form dem Inhalt im Wege: Gott hält das Kreuz mit Jesus von sich fort, als interessiere es ihn nicht, und die Taube schwebt irgendwo unten im Unbestimmten.

DreifaltigkeitLainzVorne

Auch mag der ekstatisch-leidende Gesichtsausdruck beim gekreuzigten Jesus noch angehen, bei Gott aber, der doch über so etwas stehen sollte, wird er zweifelhaft und bei der Taube, die bloß ein Symbol des heiligen Geists ist, gänzlich lächerlich. Musil schreibt, aus dem Zusammenhang gerissene barocke Skulpturen in großer Zahl machten „den Eindruck einer Katatonikerversammlung in einem Irrenhaus“; oft reicht dazu auch schon eine einzige. Durch den Puttenkopf im Kapitell direkt unter der Taube zerstört sich das Kunstwerk schließlich selbst: er erweitert die Dreifaltigkeit zur bizarren Vierfaltigkeit.

Gewiß kann es uns heute einerlei sein, wie gut oder schlecht vor dreihundert Jahren irgendwelche theologischen Konzepte künstlerisch dargestellt wurden und vielleicht spricht viel dafür, sich gerade den karikaturhaft gescheiterten Versuchen zu widmen. Aber die Angemessenheit von Form und Inhalt ist eine Frage, die noch heute jedes Kunstwerk, das einen Inhalt haben möchte, betrifft.

Interessant ist zudem, zu überlegen, inwieweit die beiden Kunstwerke von ihren Entstehungsorten beeinflußt wurden. Heute gehören Jedlersdorf wie Lainz zu Wien, aber das heißt nichts. Vor dreihundert Jahren waren es Dörfer, die mit Wien wenig und miteinander nichts zu tun hatten. Noch heute dauert es von Jedlersdorf im Nordosten mindestens eine Stunde (Marchfeldkanal Bus 30A, Jedlersdorf Straßenbahn 31, Floridsdorf U6, Längenfeldgasse U4, Hietzing Straßenbahn 60, Jagdschloßgasse, falls es jemand überprüfen will) bis nach Lainz im Südwesten, damals dürfte es eine Tagesreise gewesen sein. Jedlersdorf liegt im flachen Land jenseits der Donau, Lainz schon am Fuße des Wienerwalds. Gut war das Leben hier wie dort für die meisten nicht, aber sicher war Lainz viel reicher, schon ob der Nähe des Hofs in Schönbrunn.

Das sieht man den beiden Skulpturen auch an. Beschränkt die in Jedlersdorf sich aufs Nötigste, so ist die in Lainz von verschwenderischer Opulenz. Ist Gott hier ein würdevoller alter Bauer oder Handwerker, der das Kreuz mit starken, das Tragen gewöhnten Händen hält, so ist er dort ein überfeinerter Adeliger, der sich am Holz nicht die Finger schmutzig machen will.

Doch Einfachheit und Klarheit siegen, wenigstens künstlerisch, immer über Kompliziertheit und Prunk. Dieser Sieg ist Jedlersdorf zu gönnen.

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